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Das Wort

Sie suchte lang und gab mir kund :

>So schläft hier nichts auf tiefem grund<


Der Doppelpunkt eröffnet etwas. Was folgt, spricht, grammatisch vorgestellt, im Indikativ: >So schläft hier nichts . . .< Außerdem ist das von der grauen Norn Gesagte in Anführungszeichen gesetzt.

Anders in der Schlußstrophe. Hier steht am Ende der ersten Zeile zwar auch ein Doppelpunkt. Was jedoch auf diesen folgt, spricht weder im Indikativ, noch steht das Gesagte zwischen Anführungszeichen. Worin beruht die Verschiedenheit der fünften und der siebenten Strophe? In der fünften Strophe gibt die graue Norn etwas kund. Die Kundgabe ist eine Art von Aussage, eine Eröffnung. Dagegen sammelt sich der Ton der Schlußstrophe in das Wort »verzieht«.

Verzichten ist kein Aussagen, aber vielleicht doch auch ein Sagen. Verzichten gehört zum Zeitwort verzeihen. Zeihen, ziehten ist das selbe Wort wie zeigen, das griechische δείκνυμι, das lateinische dicere. Zeihen, zeigen heißt: sehen lassen, zum Vorschein bringen. Dies nun aber, das zeigende Sehenlassen, ist der Sinn unseres alten deutschen Wortes sagan, sagen. Jemanden bezeihen, beziehten meint: ihm etwas auf den Kopf zusagen. Im Verzeihen, Verzichten waltet demnach ein Sagen. [223] Wieso? Verzichten heißt: sich des Anspruches auf etwas begeben, sich etwas versagen. Weil das Verzichten eine Weise des Sagens ist, kann es sich in der Schrift durch einen Doppelpunkt einführen. Hierbei braucht, was diesem folgt, keine Aussage zu sein. Der Doppelpunkt nach dem Wort »verzieht« eröffnet nichts im Sinne einer Aussage oder Feststellung, aber der Doppelpunkt öffnet das Verzichten als ein Sagen für das, worauf es sich einläßt. Worauf läßt es sich ein? Vermutlich auf das, worauf der Verzicht verzichtet.


So lernt ich traurig den verzieht:

Kein ding sei wo das wort gebricht.


Martin Heidegger (GA 12) Unterwegs zur Sprache