[241] Zum Beginn hören wir ein Wort von Novalis. Es steht in einem Text, den er Monolog überschrieben hat. Der Titel deutet in das Geheimnis der Sprache: Sie spricht einzig und einsam mit sich selber. Ein Satz des Textes lautet: »Gerade das Eigentümliche der Sprache, daß sie sich bloß um sich selbsta bekümmert, weiß keiner.«

Fassen wir, was jetzt zu sagen versucht sei, als eine Folge von Aussagen über die Sprache, dann bleibt es bei einer Kette unbewiesener, wissenschaftlich unbeweisbarer Behauptungen. Erfahrenb wir dagegen den Weg zur Sprache aus dem, was sich unterwegs mit dem Weg begibt, dann könnte eine Vermutung erwachen, in der uns fortan die Sprache befremdend anmutet und unser Verhältnis zu ihr sich als das Ver-Hältnis bekundet.c

Der Weg zur Sprache — dies klingt so, als läge die Sprache weit weg von uns, irgendwo, dahin wir uns erst auf einen Weg machen müßten. Braucht es denn nun aber einen Weg zur Sprache? Wir sind nach einer alten Kunde doch selber diejenigen Wesen, die zu sprechen vermögen und daher die Sprache schon haben. Das Vermögen zu sprechen ist auch nicht nur eine Fähigkeit des Menschen, gleichgeordnet seinen übrigen. Das Vermögen zu sprechen zeichnet den Menschen zum Menschen aus. Diese Aus-Zeichnung enthält den Aufriß seines Wesens. Der Mensch wäre nicht Mensch, wenn ihm versagt bliebe, unablässig, überallher, auf jegliches zu, in mannigfaltigen Abwandlungen und zumeist unausgesprochen in einem »es ist« zu


a Reflexion??

b eundo assequi
fahren, ziehen, den Weg einschlagen, geleiten, gelangenlassen
er-fahren durch solches - in solchem fahren - eigens gelangen

c Ver-Hältnis: Ortschaft des Zu-einander-Gehörens von Brauch und Ereignis


Martin Heidegger (GA 12) Unterwegs zur Sprache