An anderer Stelle heißt es in abgewandelter Weise:
Sei auch noch so viel bezeichnet,
Was man fürchtet, was begehrt,
Nur weil es dem Dank sich eignet,
Ist das Leben schätzenswert1.
Das Ereignis verleiht den Sterblichen den Aufenthalt in ihrem Wesen, daß sie vermögen, die Sprechenden zu sein. Verstehen wir unter dem »Gesetz« die Versammlung dessen, was jegliches in seinem Eigenen anwesen, in sein Gehöriges gehören läßt, dann ist das Ereignis das schlichteste und sanfteste aller Gesetze, sanfter noch denn jenes, das Adalbert Stifter als »das sanfte Gesetz« erkannt hat. Das Ereignis ist freilich nicht Gesetz im Sinne einer Norm, die irgendwo über uns schwebt, ist keine Verordnung, die einen Verlauf ordnet und regelt.
Das Ereignis ist das Gesetza, insofern es die Sterblichen in das Ereignen zu ihrem Wesen versammelt und darin hält.
Weil das Zeigen der Sage das Eignen ist, beruht auch das Hörenkönnen auf die Sage, das Gehören zu ihr, im Ereignis. {417} Um diesen Sachverhalt im Ganzen seiner Tragweite zu erblikken, wäre nötig, das Wesen der Sterblichen hinreichend vollständig in seinen Bezügen zu denken, erst recht freilich das Ereignis als solches2. Hier muß ein Hinweis genügen.
a Setzen nicht als Thesis sondern: Gelangenlassen, Bringen
1 »Dem Großherzog Karl August zu Neujahr 1828.«
2 Vgl. Vorträge und Aufsätze (1954): Das Ding S. 163ff.; Bauen Wohnen Denken S. 145 ff.; Die Frage nach der Technik S. 13 ff. Zur Sache des Denkens. 1969.
Heute, da kaum und halb Gedachtes sogleich auch schon in irgendeine Form der Veröffentlichung gejagt wird, mag es vielen unglaubwürdig erscheinen, daß der Verfasser seit mehr denn fünfundzwanzig Jahren das Wort Ereignis für die hier gedachte Sache in seinen Manuskripten gebraucht. Diese Sache, obzwar in sich einfach, bleibt vorerst schwer zu denken, weil das Denken sich zuvor dessen entwöhnen muß, in die Meinung zu verfallen, hier werde »das Sein« als Ereignis gedacht. Aber das Ereignis ist wesenhaft anderes, weil reicher als jede mögliche metaphysische Bestimmung des Seins. Dagegen läßt sich das Sein hinsichtlich seiner Wesensherkunft aus dem Ereignisb denken.c