BEGEGNUNGEN MIT ORTEGA Y GASSET



Von zwei Erinnerungen an Ortega y Gasset möchte ich kurz erzählen. Sie bleiben mir die denkwürdigen und halten jeweils zwei Begegnungen im Gedächtnis.

Die erste Erinnerung geht in die Tage des zweiten Darmstädter Gesprächs Anfang August 1951. Ortega und ich hatten zu dem Gespräch, dessen Thema »Der Mensch und der Raum« hieß, Vorträge übernommen. Nach meinem Vortrag »Bauen, Wohnen, Denken« begann das Gespräch zwischen den prominenten Architekten und Gelehrten am langen Tisch auf dem Podium in der Darmstädter Stadthalle. Ich selbst hatte in der Reihe der Zuhörerschaft Platz genommen. Alsbald erging sich einer der Teilnehmer am »Gespräch« in heftigen Ausfällen gegen meinen Vortrag. Sie gipfelten in der Behauptung, der Vortrag habe die wesentlichen Fragen nicht gelöst, sondern nur »zerdacht«, d. h. durch Denken in Nichts aufgelöst. In diesem Augenblick meldete sich Ortega y Gasset zum Wort, nahm gleichzeitig dem neben ihm sitzenden Redner das Mikrophon weg und sagte zum Publikum folgendes: »Der liebe Gott


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Martin Heidegger (GA 13) Aus der Erfahrung des Denkens