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Der folgende Vortrag verlangt ein kurzes Vorwort.


Würden uns jetzt im Original zwei Bilder von Paul Klee gezeigt, die er in seinem Todesjahr geschaffen hat: das Aquarell »Heilige aus einem Fenster« und, in Tempera auf Rupfen, »Tod und Feuer«, dann möchten wir lange davor verweilen und — jeden Anspruch auf unmittelbare Verständlichkeit preisgeben.

Könnte uns jetzt, und gar durch den Dichter Georg Trakl selbst, sein Gedicht »Siebengesang des Todes« vorgesagt werden, dann möchten wir es oft hören und jeden Anspruch auf unmittelbare Verständlichkeit preisgeben.

Wollte uns jetzt Werner Heisenberg einen Ausschnitt seiner theoretisch-physikalischen Gedanken auf dem Weg zu der von ihm gesuchten Weltformel darstellen, dann möchten vielleicht, wenn es hoch kommt, zwei oder drei der Zuhörer ihm folgen können, wir Übrigen aber ohne Widerrede jeden Anspruch auf unmittelbare Verständlichkeit preisgeben.

Nicht so gegenüber dem Denken, das Philosophie heißt. Denn es soll »Weltweisheit« bieten, wenn nicht gar eine »Anweisung zum seligen Leben«. Nun könnte aber ein solches Denken heute in eine Lage versetzt sein, die Besinnungen verlangt, die weit abliegen von einer nutzbaren Lebensweisheit. Ein Denken könnte nötig geworden sein, das solches zu bedenken hat, woraus sogar die genannte Malerei und Dichtung und die mathematisch-physikalische Theorie ihre Bestimmung empfangen. Wir müßten dann auch hier den Anspruch auf unmittelbare Verständlichkeit preisgeben. Wir müßten indes gleichwohl zuhören, weil es gilt, Unumgängliches, aber Vorläufiges zu denken.

Darum darf es weder überraschen noch verwundern, wenn die meisten der Hörer sich an dem Vortrag stoßen. Ob jedoch einige durch den Vortrag jetzt oder später in ein weiteres Nachdenken gelangen, läßt sich nicht ausmachen. Es gilt, einiges von dem Versuch zu sagen, der das Sein ohne die Rücksicht auf eine Begründung des Seins aus dem Seienden denkt. Der Versuch, Sein ohne das Seiende zu denken, wird notwendig, weil anders sonst, wie


Martin Heidegger (GA 14) Zur Sache des Denkens - Zeit und Sein

GA 14