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Erster Teil

Wahrheit. Denn die Wahrheit kann selbst ebenso wie Sein und Denken nur im Element der Lichtung das sein, was sie ist. Evidenz, Gewißheit jeder Stufe, jede Art von Verifikation der veritas, bewegen sich schon mit dieser im Bereich der waltenden(23) Lichtung.

Άλήθεια, Unverborgenheit als Lichtung von Anwesenheit gedacht, ist noch nicht Wahrheit. Ist die Άλήθεια dann weniger als Wahrheit? Oder ist sie mehr, weil sie Wahrheit als adaequatio und certitudo erst gewährt, weil es Anwesenheit und Gegenwärtigung außerhalb des Bereiches der Lichtung nicht geben kann?

Diese Frage bleibe als Aufgabe dem Denken überlassen. Das Denken muß sich darauf besinnen, ob es diese Frage überhaupt auch(24) stellen kann, solange es philosophisch, d. h. im strengen Sinne der Metaphysik, denkt, die das Anwesende nur hinsichtlich seiner Anwesenheit befragt.

In jedem Fall wird das eine klar: Die Frage nach der Άλήθεια, nach der Unverborgenheit als solcher, ist nicht die Frage nach der Wahrheit. Darum war es nicht sachgemäß und demzufolge irreführend, die Άλήθεια im Sinne der Lichtung Wahrheit zu nennen*. Die Rede von der »Wahrheit des Seins« hat in Hegels »Wissenschaft der Logik« ihren berechtigten Sinn, weil Wahrheit hier die Gewißheit des absoluten Wissens bedeutet.(25) Aber Hegel fragt auch nicht, sowenig wie Husserl, sowenig wie alle Metaphysik nach dem Sein als Sein, d. h. die Frage, inwiefern es Anwesenheit


(23) »walten« bestimmt aus er-eignen

(24) noch

* Wie der Versuch, eine Sache zu denken, zeitweise wegirren kann von dem, was ein entscheidender Einblick schon gezeigt hat(25\ wird durch eine Stelle aus »Sein und Zeit« (1927) S. 219 belegt: »Die Übersetzung (des Wortes άλήθεΐα) durch das Wort > Wahrheit« und erst recht die theoretischen Begriffsbestimmungen dieses Ausdrucks (Wahrheit) verdecken den Sinn dessen, was die Griechen als vorphilosophisches Verständnis dem terminologischen Gebrauch von (χλήθεΐα »selbstverständlich« zugrunde legten«.[GA Bd. 2, S. 291]

(25) vgl. Unterwegs zur Sprache (1959) S. 175 unten [GA Bd. 12, S. 165]

(26) besser: weil die Gewißheit eine Abwandlung der überlieferten Bestimmung der Wahrheit darstellt.

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