I.


Art des Vorgehens. — Beginn mit Fragment 64
(beigezogene Fragmente: 41, 1, 50, 47).


FINK: Ich eröffne das Seminar mit einem herzlichen Dank an [9] Herrn Professor Heidegger für seine Bereitschaft, die geistige Führung zu übernehmen bei unserem gemeinsamen Versuch, in den Bereich des großen und geschichtsmächtigen Denkers Heraklit vorzudringen, dessen Stimme wie die der Pythia weiter als durch tausend Jahre zu uns reicht. Obwohl dieser Denker im Ursprung des Abendlandes beheimatet und insofern längst vergangen ist, ist er gleichwohl von uns immer noch nicht eingeholt. Von Martin Heideggers Dialog mit den Griechen in vielen seiner Schriften können wir lernen, wie das Weiteste nah und das Vertrauteste fremd wird und wie wir nicht zur Ruhe kommen und uns nicht auf eine gesicherte Deutung der Griechen verlassen können. Die Griechen bedeuten für uns eine ungeheure Herausforderung.

Unser Seminar soll eine Übung im Denken sein, d.h. im Nachdenken der von Heraklit vorgedachten Gedanken. Wenn wir mit seinen uns nur als Fragmente hinterlassenen Texten konfrontiert werden, so geht es uns dabei nicht so sehr um die philologische Problematik, so wichtig sie auch sein mag*. Unsere Intention zielt darauf ab, zur Sache selbst vorzudringen, d.h. zu der Sache, die vor dem geistigen Blick von Heraklit gestanden haben muß. Diese Sache ist nicht einfach vorhanden wie ein Befund oder wie irgendeine sprachliche Überlieferung, sondem sie kann gerade durch die sprachliche Überlieferung sowohl eröffnet als auch verstellt sein. Es muß als eine Fehlmeinung gelten, die Sache der Philosophie bzw. die Sache des Denkens, wie Martin Heidegger sie formuliert hat, wie eine vorhandene Sache zu betrachten. Die Sache des Denkens liegt nicht irgendwo


* Ausführungen von Seminarteilnehmern, vorwiegend philologischer Art, werden aus urheberrechtlichen Gründen nicht mit veröffentlicht.


Martin Heidegger (GA 15) Seminare

GA 15