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Lichtung, Licht und Schein

FINK: Die Lichtquelle wird erst in ihrem eigenen Licht gesehen. Das Merkwürdige ist, daß die Fackel ihr eigenes Gesehenwerden ermöglicht.


HEIDEGGER: Hier stoßen wir auf die Mehrdeutigkeit von Schein. Wir sagen etwa: die Sonne scheint.


FINK: Wenn wir physikalisch denken, so sprechen wir von der Sonne als Lichtquelle und von der Emission ihrer Strahlen. Das Verhältnis der Lichtung zum Licht bestimmen wir dann so, daß die Lichtung, in der die Sonne selbst gesehen wird, abkünftig ist vom Licht als der Sonne. Doch dieses Abkünftigkeitsverhältnis müssen wir gerade in Frage stellen. Nicht geht das Licht der Lichtung voraus, sondern umgekehrt die Lichtung geht dem Licht voraus. Ein Licht ist nur als einzelnes möglich, weil es einzelnes in der Lichtung gibt. Die Sonne wird in ihrem eigenen Licht gesehen, so daß die Lichtung das Ursprünglichere ist. Wenn wir die Helle nur auf die Lichtquelle zurückleiten, überspringen wir den fundamentalen Charakter der Lichtung.


HEIDEGGER: Solange man physikalisch denkt, wird der fundamentale Charakter der Lichtung, daß sie dem Licht vorausliegt, nicht gesehen.


FINK: Der Mensch als der Erbe des Feuerraubes hat in gewisser Weise die Möglichkeit, ein Licht hervorzubringen, aber nur, weil es die Lichtung gibt.


HEIDEGGER: weil der Mensch in der Lichtung steht,


FINK: und zwar von Hause aus. Zum Innestehen in der Lichtung gehört nicht nur das Vorkommen von Dingen, sondern auch das vernehmende Vorkommen des Menschen. das aber zumeist bloß auf die Dinge eingestellt ist und nicht des Lichtes gedenkt, in dem die Dinge vernommen werden. Das Vernehmen steht zwar im Licht, aber es vernimmt nicht eigens das Licht.


Martin Heidegger (GA 15) Seminare

GA 15