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Fragment 111: Das Übergehen der Kontrastphänomene

rechten und schlechten Vernehmen. Im Leben gibt es Irrtum und Täuschung. Heraklit aber sagt, daß das Vernehmen, das wir kennen und in den Dienst unserer Lebensführung stellen, nicht für den postmortalen Bereich ausreicht. Es gibt kein Vernehmen, das in das Niemandsland einzudringen vermag. — Ich gehe über zum Fragment 111: νοῦσος ὑγιείην ἐποίησεν ἡδὺ καὶ ἀγαθόν, λιμὸς κόρον, κάματος ἀνάπαυσιν. Diels übersetzt: "Krankheit macht Gesundheit angenehm und gut, Hunger Sattheit, Mühe Ruhe." Dieses Fragment scheint simpel zu sein. Man könnte sich darüber verwundern, daß eine solche Alltagserfahrung sententiös formuliert unter den Sprüchen des Heraklit auftaucht. Wir können es aber aufnehmen als einen Einstieg in die Fragmente, die das Verhältnis des Entgegengesetzten in einer ungewöhnlichen Weise denken. Wenn gesagt wird: Krankheit macht Gesundheit angenehm, verhält es sich dann so einfach wie Sokrates im Phaidon sagt, daß er, nachdem er von der schmerzhaften Fessel befreit ist, nun das angenehme Gefühl des Kratzens empfindet? Hier geht das Wohlgefühl aus dem vergangenen Unbehagen hervor. Heraklit sagt: Krankheit macht Gesundheit gut und süß. Dabei kann entweder die vorangehende oder die nachkommende Gesundheit gemeint sein. Krankheit-Gesundheit ist kein Unterschied stehend-gegensätzlicher Art, sondern ein Kontrastphänomen derart, daß aus der Krankheit Gesundheit werden kann. Das gleiche gilt für Hunger und Sattheit und für Mühe und Ruhe. Es handelt sich um einen Vorgang des Übergehens von "Entgegengesetztem in das Gegenteil, um die phänomenale Verspannung von Kontrastierendem im" Übergang. ἡδύ und ἀγαθόν werden nicht bestimmt als Qualitäten in sich, sondern als hervorgegangen aus einem negativen Zustand, von ihrem zurückgelassenen und überwundenen Gegenteil her bestimmt. Vergangener Reichtum macht die nachfolgende Armut bitter, und umgekehrt, vorangehende Armut macht den nachfolgenden Reichtum angenehm. Diese Verhältnisse von Entgegengesetztem sind uns geläufig. Wichtig ist hier nur, daß ἀγαθόν und ἡδύ nur aus dem Kontrast bestimmt werden. — Damit gehe ich über zum Fragment 126: τὰ ψυχρὰ θέρεται,


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