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Die »Seinsfrage« in »Sein und Zeit« und später


»Sinn« ist vom »Entwurf« her zu verstehen, der sich durch »Verstehen« erklärt.

Das Unangemessene dieses Ansatzes der Frage liegt darin, daß er es zu sehr ermöglicht, den »Entwurf« als menschliche Leistung zu verstehen; dementsprechend kann der Entwurf nur mehr als Struktur der Subjektivität genommen werden, – was Sartre tut, indem er sich auf Descartes stützt (bei dem die ἀλήθεια als ἀλήθεια nicht vorkommt).

Um diesem Fehlgriff zu begegnen und dem »Entwurf« die Bedeutung zu erhalten, in der er genommen wurde (die der eröffnenden Erschließung), hat das Denken nach »Sein und Zeit« den Ausdruck »Sinn von Sein« durch» Wahrheit des Seins« ersetzt. Und um jede Sinnverfälschung von Wahrheit zu vermeiden, um auszuschließen, daß sie als Richtigkeit verstanden würde, wurde» Wahrheit des Seins« erläutert durch »Ortschaft des Seins«, -Wahrheit als Ortlichkeit des Seins. Das setzt allerdings schon ein Verständnis des Ortseins des Ortes voraus. Daher der Ausdruck Topologie des Seyns, der sich zum Beispiel in »Aus der Erfahrung des Denkens« findet; siehe auch den von Franz Larese herausgegebenen Text: »Die Kunst und der Raum«.



4. September


Zuerst werden Ergänzungen zum Protokoll vom 2. September gemacht.

Wir sind zu rasch über die Unterscheidung zwischen ὑποκείμενον und φαινόμενον hinweggegangen. Bei dieser Gelegenheit haben wir nicht genügend betont, worauf sich beide im Voneinanderabweichen beziehen:

a) das φαινόμενον hat tatsächlich Bezug auf und setzt als seinen Horizont immer voraus die ἀλήθεια, die ἀλήθεια aber stets im vorhinein schon vom λέγειν aus verstanden (sogar bei Homer; dazu siehe »Hegel und die Griechen«1).


1 Wegmarken 1967, S. 271.


Martin Heidegger (GA 15) Seminare - Seminar in Le Thor 1969

GA 15