Sieben Fragen nach der Technik

Dieses Vorwort von Kant wäre, bemerkt Heidegger nebenbei, ein ausgezeichneter Text für ein Seminar: dort ist in der Tat das Problem der Bewegtheit aufgenommen, -das schon in Aristoteles' »Physik« so zentral ist, — das aber, ein denkwürdiger Vorgang und Kennzeichen der Moderne, innerhalb der Kategorientafel von Kant nicht mehr aufgegriffen wird, was wiederum besagt, daß der Bezug der Bewegtheit zum Sein bei Kant unentfaltet bleibt.

Hier sieht man also an einem hervorragenden Beispiel die Schwierigkeit, gleichzeitig oder vielmehr in ihrer Beziehung aufeinander die Frage nach der Technik und die Frage nach dem Sein zu denken, — die gleichwohl unauflöslich miteinander verbunden sind.

Darum wird das eigentliche Seminar nach Verlesung des Protokolls der vorigen Sitzung mit der Erläuterung des Ausdrucks ›Seinsvergessenheit‹ wieder aufgenommen.

Gewöhnlich versteht man ›Vergessen‹ in dem Sinn, daß einem etwas entfällt, wie wenn man seinen Schirm irgendwo stehen läßt. Nicht in diesem Sinn ist das Sein vergessen.

›Vergessen‹ und ›Vergessenheit‹ muß stets von der Λήθη und von ἐπιλανθάνεσθαι aus verstanden werden, — was jeden negativen Charakter ausschließt.

So, wenn zum Beispiel Heraklit sagt: Φύσις κρύπτεσθαι φιλεῖ, »das Sichverbergen ist das innerste Wesen der Bewegung des Erscheinens«. Bei dieser Gelegenheit wird zur übersetzung vermerkt: φιλεῖ kann nicht durch »liebt« wiedergegeben werden (wenn dies ontisch als gelegentliche Hinneigung verstanden wird). Φιλεῖ besagt hier: »ist wesentlich für ... um ihr eigenes Sein zu entfalten«.

Daraufhin lautet das Fragment: »das Aufgehen hat als zugehörige Notwendigkeit die Verborgenheit«. In der übersetzung von Jean Beaufret: Rien n'est plus propre a l'eclosion que le retrait. Oder besser: Rien n'est plus cher a l'eclosion que le retrait.

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