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Das Lassen des Anwesens als reines Geben


darf man eher sagen: »Es gibt Sein« im Sinn von: »Es läßt Sein«.[103]

Zusammenfassend können wir sagen,2 daß das »Sein-lassen« in drei Bedeutungen betont werden kann.

Die erste deutet auf das, was ist (auf das Seiende). Dieser ersten Bedeutung gegenüber stünde jene, in der das Augenmerk weniger auf das, was es gibt (was ist), gerichtet ist als auf das Anwesen selbst. Es handelt sich dann um eine Auslegung des Seins von der Art, wie die Metaphysik sie gibt.

Aber im Innersten dieser zweiten Betonung hat die dritte ihren Ort, wo der Ton nun entschieden auf das Lassen selber gelegt wird, das das Anwesen läßt. Da es das Anwesen läßt (entläßt?), das heißt, da es läßt das Sein, deutet diese dritte Betonung auf die ἐποχή des Seins. In dieser dritten Bedeutung steht man dem Sein als Sein gegenüber und nicht mehr einer der Gestalten seines Geschicks.

Wenn die Betonung lautet: Anwesen lassen, ist sogar für den Namen Sein kein Raum mehr. Das Lassen ist dann das reine Geben, das selbst auf das Es, das gibt, zurückdeutet, das als das Ereignis verstanden wird.

Nachdem das Seminar bis hierher gekommen ist, sucht es sich das Wort Ereignis verständlich zu machen.

Der erste Hinweis verdeutlicht, daß das französische Wort avènement gänzlich ungeeignet ist, um das Ereignis zu übersetzen. Es wird dann die für »Zeit und Sein« versuchte Übersetzung wiederaufgenommen; Ereignis: das appropriement.

Darauf wird gefragt: welchen Bezug hat das Ereignis zur ontologischen Differenz? Wie ist das Ereignis zu sagen? Wie fügt es sich in die Geschichte des Seins? Sollte das Sein das Antlitz des Ereignisses für die Griechen sein? Zuletzt, ist es möglich zu sagen: »Sein ist durch das Ereignis ereignet«? Antwort: ja.


2 Vgl. Zur Sache des Denkens a.a.O. S. 40.


Martin Heidegger (GA 15) Seminare

Four Seminars and p. 59

GA 15