SEMINAR IN ZÄHRINGEN 1973


I


6. September


Nach den Seminaren in Le Thor wird das Zähringer Seminar begonnen. Wie 1968 und 1969 versucht wurde, von Hegel und Kant aus Zugang zur Seinsfrage zu gewinnen, soll dieser Zugang jetzt von Husserl aus gesucht werden.

Ausgangspunkt ist ein Brief Jean Beaufrets, in dem zwei Fragen gestellt wurden:

1) Inwiefern läßt sich sagen, daß es bei Husserl keine Seinsfrage gibt?

2) Was bedeutet es, daß Heidegger selbst die Umweltanalysc1 als »wesentlichen Gewinn«2 bezeichnen kann, da er doch an anderer Stelle sagt, daß sie »von untergeordneter Bedeutung bleibt«.3

Die Arbeit beginnt mit dem Eingehen auf die zweite Frage.

Die Analyse der Weltlichkeit der Welt ist durchaus ein »wesentlicher Gewinn«, insofern hier zum ersten Mal in der Geschichte der Philosophie das In-der-Welt-sein als primäre Weise der Begegnung mit dem Seienden auftritt; genauer: das In-der-Welt-sein ist als primäres und nicht weiter ableitbares, immer schon gegebenes, also ursprünglich jeder Bewußtseinserfassung »vorgängiges« Faktum entdeckt.

Und doch »bleibt« diese Analyse »von untergeordneter Bedeutung«. Um zu verstehen, wieso, genügt es, an »das leitende Ziel« von »S. u. Z.« zu erinnern: »die Frage nach dem Sinn von Sein erneut zu stellen«.4 Daher muß ganz klar


1 S. u. Z. §§ 14-24.

2 S. u. Z. 1949, S. 552.

3 Vom Wesen des Grundes, in: Wegmarken 1967, S. 52.

4 S. u. Z. S. 1.


Martin Heidegger (GA 15) Seminar in Zähringen 1973 - Seminare p. 372

GA 15