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Seminar in Zähringen 1973

[118] französische Verb regarder spricht hier besonders deutlich. Regarder bedeutet nämlich garder, bewahren, ge-wahren im Sinn von: mir das nahekommen lassen, was ich anblicke.

Worauf gründet sich das Gesehenhaben allen Bewußtseins? Auf die für das Menschenwesen grundlegende Möglichkeit, eine offene Weite zu durchgehen, um bis zu den Dingen zu gelangen.

Dies in-einer-offenen-Weite-sein ist eben das, was »S. u. Z.« (Heidegger sagt sogar dazu: »ganz ungeschickt und unbeholfen«) Dasein nennt.

Dasein muß als die-Lichtung-sein verstanden werden. Das Da ist nämlich das Wort für die offene Weite.

Deutlich ist hier zu sehen, daß das Bewußtsein im Dasein wurzelt und nicht umgekehrt.

Bewußtsein und Dasein: — in beiden Worten ist das Verbum »Sein« enthalten. Das heutige Seminar schließt mit der Frage: welchen Sinn hat Sein in Bewußtsein und Dasein? Das ist die Aufgabe für morgen.


II


Die Sitzung des heutigen Tages, Freitag den 7. Sept. 1973, beginnt mit Verlesung des Protokolls.

Danach sagt Heidegger, daß zu dem, was am ersten Tag durchgesprochen wurde, eine Fülle von Ergänzungen beigebracht werden könnte. Er hat jedoch in diesem Seminar etwas ganz anderes vor. Deshalb beschränkt er sich auf zwei Bemerkungen, deren Ziel ist, jede zu starke Vereinfachung auszuschließen.

Kant betreffend ist gestern von einer abstrakten Ableitung der Kategorien gesprochen worden. Heidegger fragt: gibt es nicht in Kants Lehre der Kategorien Mehr und Anderes als Abstraktion und Ableitbarkeit, soweit es ihre Weise betrifft, verständlich und wahrnehmbar zu sein? Jean Beaufret erwähnt hier den »Schematismus«. Kant vollzieht im Schematismus


Martin Heidegger (GA 15) Seminare - Seminar in Zähringen 1973

Four Seminars and pp. 68-69