wagte, weil ich glaube, daß wir (und das ist das andere Motiv, das mehr positive und unpersönliche) - daß wir erst wieder lernen müssen zu lesen. Diese ganz einfache Sache, lesen zu lernen, das Wort der Denker und Dichter - diese einfache Vorschule ist es, die, in ganz weiter Sicht, das vorbereiten soll, was ich sagen möchte.
Also erstens: Interpretation von Texten, um dasjenige, von dem ich glaube, daß es an irgendeiner Ecke etwas vorbereiten könnte, noch einigermaßen zu schützen; zweitens die positive Absicht, das Lesen zu lernen, nicht nur für diejenigen, die philosophieren. Man kann nicht denken, ohne geschichtlich zu denken, in einem ganz tiefen Sinn: -lesen zu lernen, das Wort und die Sprache dem Menschen überhaupt wieder näher zu bringen. Es entstehen die große Frage und zugleich die Differenzen der Auswahl, und dahinter stehen natürlich eine ganz bestimmte Absicht, eine Aufgabe, auch ganz bestimmte Nöte. Aus meiner Lehrtätigkeit kann ich Ihnen die Erfahrung berichten, daß, wenn ich aus Hegels »Phänomenologie« ein Stück ausgelegt hatte, die Studenten sagten: jetzt ist er Hegelianer, usw.
Aber nun Ihre Frage, über die wir schon lange streiten und noch nicht einig geworden sind. Es wäre ein Mißverständnis, wenn Sie glaubten, ich würde die Philologie negativ einschätzen. Aber, und damit komme ich auf den Satz »Es läßt sich alles beweisen«, Sie sagen: es läßt sich nur das Richtige beweisen. Da müßte ich fragen: was verstehen Sie unter richtig? Ich meine: Es läßt sich alles beweisen, will sagen: wenn irgend ein Faktum, ein Tatbestand festgestellt, beobachtet ist, besteht die Möglichkeit, ihm entsprechend gewisse Voraussetzungen anzusetzen, aus denen der Tatbestand gefolgert werden kann. So verfährt die Naturwissenschaft, welche ich, gemäß westlichem Sprachgebrauch, unter Wissenschaft verstehe. Die Philologie ist in diesem Sinne keine Wissenschaft. Die moderne Naturwissenschaft kann die Frage immer so stellen, daß die Sache sich als richtig beweist. Aber: wer verbürgt, daß der Ansatz der Natur, der in dieser Wissenschaft gemacht ist, - ob dies nicht nur ein