1. PER MORTEM AD VITAM
(Gedanken über Jörgensens »Lebenslüge
und Lebenswahrheit«)
In unseren Tagen spricht man viel von »Persönlichkeit«. Und die Philosophen finden neue Wertbegriffe. Neben kritischer, moralischer, ästhetischer operieren sie auch mit »Persönlichkeitswertung«, zumal in der Literatur. Die Person des Künstlers rückt in den Vordergrund. So hört man denn viel von interessanten Menschen. 0. Wilde, der Dandy, P. Verlaine, der »geniale Säufer«, M. Gorky, der grosse Vagabund, der Uebermensch Nietzsche -interessante Menschen. Und wenn dann einer in der Gnadenstunde der grossen Lüge seines Zigeunerlebens sich bewusst wird, die Altäre der falschen Götter zerschlägt und Christ wird, dann nennen sie das »fade, ekelhaft«.
Johannes Jörgensen hat den Schritt getan. Nicht Sensationsdrang trieb ihn zur Bekehrung, nein, tiefer, bitterer Ernst.
Dieses mächtige Sichlosringen von einer verkehrten lügenhaften Philosophie, das rastlose Suchen und Aufbauen, der letzte Schritt zum Gipfel der Wahrheit, das zeichnen in stimmungsvoller Lebendigkeit die 68 schmalen Seiten des unscheinbaren Büchleins »Lebenslüge und Lebenswahrheit.«1
Mit 18 Jahren war Jörgensen Atheist. Und bald schwamm er in den freidenkerischen Strömungen, die um die siebziger Jahre Georg Brandes, der Heine Dän€marks, in Fluss gebracht hatte: Freie Forschung und freier Gedanke wurde zum Schlachtruf der modernen dänischen Literaten. Der Geist Nietzsches und Zolas wurde allmächtig. Bei Dänemarks grösstem Atheisten J. P. Jacobsen, der zu schwach zum Leben und nicht krank zum Tod sich durch sein elendes Dasein schleppte, bei diesem Musterdekadenten ging Jörgensen in die Schule.
Bei der Schönheit hat der Künstler sein Herz und da ist auch
1 Kirchheim, 1903. 2. Aufl.