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§24. cogito sum, clara et distincta perceptio

tantem, nunquid ergo etiam scio quid requiratur ut de aliqua re sim certus? nempe in hac prima cognitione nihil aliud est, quam clara quaedam et distincta perceptio ejus quod affirmo; quae sane non sufficeret ad me certum de rei veritate reddendum, si posset unquam contingere, ut aliquid quod ita clare et distincte perciperem falsum esset: ac proinde jam videor pro regula generali posse statuere, illud omne esse verum quod valde clare et distincte percipio.5 Dieser Zusammenhang muß im Auge behalten werden: daß mit dem Erfassen des cogito sum zugleich die clara et distincta perceptio gegeben ist. Descartes meint mit cogitatio nicht die Erlebnisse, sofern sie lediglich auf etwas gerichtet sind, sondern die Erlebnisse, sofern sie zugleich in sich ein Bewußtsein ihrer selbst haben. Er sagt: Wenn irgendetwas, das ich in dieser Weise, nämlich durch die clara et distincta perceptio, erfasse, falsch sein könnte, so könnte ich auf dieses Kriterium nicht vertrauen. Descartes nimmt das Kriterium an, um es zu rechtfertigen. Der Unterschied der Descartesschen und der modernen Orientierung der Philosophie geht darauf, daß für Descartes das Kriterium als solches nicht genügt. Er sagt: Ich erfahre beim Aussprechen eines solchen Satzes cogito sum, daß meine Zustimmung dahin gezogen wird, dem so erfaßten Satz zuzustimmen. Descartes sagt aber: Ich kann mich für die Fundierung des Erkennens nicht auf einen dunklen Zusammenhang des Gezogenseins zu dem, was ich erfasse, verlassen; ich muß die clara et distincta perceptio selbst seinsmäßig gesichert haben. Die regula generalis ist als mögliches absolutes Kriterium der Erkenntnis zu rechtfertigen. Die neuere Philosophie hat den Beweis Descartes' als einen Rückfall in die alte Metaphysik gekennzeichnet. Man muß sich aber fragen, ob nicht in der Tat Descartes darin radikaler gesehen hat, daß er nach einer weiteren Begründung des Kriteriums gesucht hat. (Husserl hat seine ganze Arbeit der letzten Jahre darauf konzentriert, die Idee der absoluten Evidenz aus ihr selbst zu rechtfertigen.)


5 Descartes, Meditationes de prima philosophia. Meditatio III, p. 33.


Martin Heidegger (GA 17) Einfuerung in die phaenomenologische Forschung