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§ 9. Das Dasein des Menschen als ψνχή

Geschichte der griechischen Daseinsauslegung schon lebendig war. Aristoteles hat keine andere Tendenz als das zu sagen, was ἔνδοξον ist, was im natürlichen Sein des Daseins selbst liegt, was selbstverständlich ist. Aber gerade das ist oft am schwersten zu sagen. Zu dieser Betrachtung des Seinscharakters des Daseins sind wir in gewisser Weise schon vorbereitet. Denn mit Absicht habe ich eine vorläufige Charakteristik der Seinscharaktere vorausgeschickt. Vermutlich werden diese Charaktere auch bei der Bestimmung des Menschen in Funktion treten. Wir haben also schon einen Leitfaden für die Seinscharakteristik des Daseins, wir sind schon etwas orientiert über das λόγον ἔχον.



§ 9. Das Dasein des Menschen als ψυχή: Sprechendsein
(λόγον ἔχειν) und Miteinandersein (κοινωνία)
(Pol. A 2, Rhet. A 6 und 11)


Wir müssen uns jetzt über das λέγειν verständigen. Wir haben noch keine Klarheit über das »Sprechen«, sofern es das eigentliche Sein des Menschen ausmacht.


a) Die Bestimmung des Menschen als ζῷον λόγον ἔχον.
Die Aufgabe der Abhebung des λόγος gegen die φωνή


Wir wollen ins Auge fassen das 2. Kapitel des 1. Buches der »Politik«. Die Bestimmung des Menschen als ζῷον λόγον ἔχον kommt hier in einer ganz bestimmten Abzweckung vor, im Zusammenhang des Nachweises, daß die πόλις eine Seinsmöglichkeit des menschlichen Lebens ist, die φύσει ist.1 Φύσις ist nicht im modernen Sinne von »Natur« zu nehmen, dem »Kultur« gegenübersteht, womit man dann gegen Aristoteles polemisiert. Das ist eine oberflächliche Betrachtungsweise. Φύσει ὄν ist ein Seiendes, das


1 Aristotelis Politica. Tertium edidit F. Susemihl. Lipsiae in aedibus B.G. Teubneri 1894. A 2, 1252 b 30.