Gespräch so zu führen, daß ich den anderen überwinde ohne Sachkenntnis. Die Sophistik ist der Erweis für den Tatbestand, daß die Griechen der Sprache verfallen sind, die Nietzsche einmal »die sprechbarste aller Sprachen« nannte.15 Und er mußte schließlich wissen, was das Griechentum ist. Es ist zu beachten, daß die Griechen im 4. Jahrhundert gänzlich unter die Herrschaft der Sprache gelangt waren.
Es ist zu ermessen, was es bedeutet, aus dieser Veräußerlichung des griechischen Daseins, aus dem Gespräch und Gerede das Sprechen zurückzuholen, das Sprechen dahin zu bringen, daß Aristoteles sagen kann: Der λόγος ist λόγος οὐσίας, »Sprechen über die Sache, was sie ist«. Aristoteles stand in der extremsten Gegenstellung zu dem, was um ihn herum lebendig war, was ihm in der konkreten Welt entgegenstand. Man darf sich nicht vorstellen, daß den Griechen die Wissenschaft in den Schoß gefallen wäre. Die Griechen sind gänzlich im Äußeren aufgegangen. Zur Zeit Platos und Aristoteles' war das Dasein so mit Geschwätz beladen, daß es der ganzen Anstrengung beider bedurfte, um überhaupt mit der Möglichkeit der Wissenschaft Ernst zu machen. Das Entscheidende ist, daß sie nicht von irgendwoher, etwa aus Indien, also von außen her, eine neue Existenzmöglichkeit bezogen haben, sondern aus dem griechischen Leben selbst Sie machten Emst mit den Möglichkeiten des Sprechens. Das ist der Ursprung der Logik, der Lehre vom λόγος. Die jetzige Interpretation isl ungeeignet, ein Verständnis der Logik zu gewinnen.
Ebenso ist die Betrachtungsart der Rhetorik ein Hindernis für das Verständnis der aristotelischen Rhetorik. In der Berliner Akademieausgabe ist die »Rhetorik« ans Ende gestellt worden.16
15 Vgl. F. Nietzsche, Geschichte der griechischen Beredsamkeit. In: Nietzsche's Werke. Band XVIII. Dritte Abtheilung: Philologica. Zweiter Band: Unveröffentlichtes zur Literaturgeschichte, Rhetorik und Rhythmik. Hg. v. O. Crusius. Leipzig 1912, S. 199-256, hier S. 202: »Das Volk, das sich an solcher Sprache, der precAbarsten aller, ausbildete, hat unersättlich viel gesprochen ...«
16 Aristotelis opera. Ed. Academia Regia Borussica. Volumen secundum: Ariauuelis Graece ex recognitione I. Bekkeri volumen posterius. Berlin 1831. S. 1354—1420.
Basic Concepts of Aristotelian Philosophy p. 75