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§ 20. Das πάθος als ἡδονή und λύπη

ließ in dieser Zeit das ζητεῖν περὶ φύσεως nach, man wandte sich ab auf die πολιτική, die φύσει ὄντα kamen in den Hintergrund. Das ist nicht ein beliebiges Versäumnis, etwa so, daß sie mehr Geistes- als Naturwissenschaften getrieben hätten, sondern es ist ein fundamentales Versehen: Auch die Begriffe vom Sein-in-der-πόλις haben ihre Grundlagen in den Naturbegriffen. Aristoteles sah das und verlegte das Hauptgewicht seiner Arbeit zuerst auf die Erforschung der φύσις als Sein. Von daher hat er den Boden gewonnen für die Seinsforschung als solche.



§ 20. Das πάθος als ἡδονή und λύπη (Eth. Nic. K 1-5)


Aus dieser Betrachtung des Seinscharakters des Lebenden haben wir gesehen: Leben besagt In-einer- Welt-Sein. Diese Bestimmung wird jetzt doppeldeutig:

1. Das Sein dieser lebenden Natur ist in seinem εἶδος bestimmt als diese δύναμις des In-der-Welt-seins — also einmal als εἶδος, als Seinsbestimmung selbst des Seienden.

2. Als Begegnung aus der Welt her: Das Lebende ist noch in einem zweiten Sinne in der Welt, im Sinne der Weltzugehörigkeit Mein Sein ist In-der-Welt-sein, zugleich im zweiten Sinne in der Welt als zu ihr gehörig, so zwar, daß ich in der Welt für einen anderen begegnen kann, wie ein Stuhl.

Für die Griechen ist beides εἶδος, der Grieche kennt nicht den Unterschied zwischen äußerer und innerer Betrachtung. Dadurch ergeben sich fundamentale Zusammenhänge des Seins des Lehens im weiteren Sinne. Ich weise darauf hin, daß das Miteinandersein jetzt eine schärfere Bestimmung erfahren hat:

1. Im Miteinandersein sind solche Seienden miteinander, die jedes für sich In-der-Welt-sein sind. Das Einanderbegegnen ist Füreinanderdasein, so, daß jedes Seiende, das für das andere ist, in der Welt ist. Das Begegnende ist in der Welt des Begegneten, ist da für ein anderes Sein.

2. Im Miteinandersein haben wir miteinander dieselbe Welt.


Martin Heidegger (GA 18) Grundbegriffe der aristotelischen Philosophie