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§ 26. Bewegung als ἐντελέχεια τοῦ δυνάμει ὄντος

Auf jeden Fall kann man solche vagen Vermutungen nicht in Anspruch nehmen für eine Datierung und aus den Verhältnissen der Abhandlungen eine Entwicklungsgeschichte des Aristoteles schreiben. Nach meiner Überzeugung ist dieser Versuch ganz hoffnungslos. Es sind in der »Physik« Dinge hinsichtlich des öv und des εν gesagt, so, daß das Niveau ein solches ist, das sich in keiner Weise von dem der »Metaphysik« unterscheidet. Die Bemerkung, die Aristoteles hier anschließt, charakterisiert, welche Bedeutung er dieser Untersuchung zumißt: »So [durch den Rückgang auf die στέρησις bzw. auf δύναμις und ἐνέργεια] werden die Schwierigkeiten gelöst, unter dem Zwange welcher die Früheren einiges von dem Gesagten aufgehoben haben. [Weil sie mit dem Sein nicht fertig werden konnten, kamen sie dazu, einfach zu sagen: Bewegung gibt es nicht.] Deswegen [weil ihnen überhaupt diese Möglichkeit der Explikation nicht in den Blick kam] wurden sie so weit abgedrängt vom Weg zum Werden und Vergehen, zur μεταβολή [daß sie Theorien über das Sein machten und nicht dazu kamen, die μεταβολή als solche zu sehen]. Wäre diese Art des Seins ihnen in die Augen gesprungen, dann wäre für sie jede Unklarheit über dieses Seiende verschwunden.«40 Daraus geht deutlich hervor, wie klar Aristoteles seine eigene Entdeckung einschätzt und wie fundamental diese Seinscharaktere der δύναμις, ἐνέργεια, στέρησις sind.


γ) Die δύναμις


Wir müssen versuchen, uns die zweite Bestimmung noch näher zu bringen, um das Seiende in seinem doppelten Charakter zu verstehen. Was er über die στέρησις sagt, ist die Bedingung dafür, daß es sich bei dem δυνάμει um einen Seinscharakter handelt, der einem schon Daseienden zukommt. Δύναμις hat nicht den Sinn des


40 Phys. A 8, 191 b 30 sqq.: ὥσθ’ [...] αἱ ἀπορίαι λύονται δι’ ἃς ἀναγκαζόμενοι ἀναιροῦσι τῶν εἰρημένων ἔνια· διὰ γὰρ τοῦτο τοσοῦτον καὶ οἱ πρότερον ἐξετράπησαν τῆς ὁδοῦ τῆς ἐπὶ γένεσιν καὶ φθορὰν καὶ ὅλως μεταβολήν· αὕτη γὰρ ἂν ὀφθεῖσα ἡ φύσις ἔλυσεν πᾶσαν τὴν ἄγνοιαν.


Martin Heidegger (GA 18) Grundbegriffe der aristotelischen Philosophie