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Vorbetrachtung

Der »Sophistes« — und jeder Dialog — zeigt Plato unterwegs; er zeigt das Zerbrechen der festen Sätze und das Zum-verstehenKommen der Phänomene; und er zeigt zugleich, wie Plato stehen bleiben muß und nicht durchdringt.

Um Plato bei der Arbeit sehen zu können und sie recht nachzuvollziehen, bedarf es des rechten Standortes. Wir werden von Aristoteles darüber Auskunft verlangen, welches Seiende er selbst und damit Plato und die Griechen im Auge hatten und welches für sie die Zugangsarten zu diesem Seienden sind. So bringen wir uns von Aristoteles her in die rechte Haltung, die rechte Weise des Sehens, nach dem Seienden und dessen Sein zu fragen. Nur wenn wir darüber eine erste Orientierung haben, bringen wir uns in die Möglichkeit, uns in die rechte Betrachtungsart eines platonischen Dialogs zu versetzen und, dahin versetzt, ihn auf jedem seiner Schritte zu verfolgen. [10] Die Interpretation hat keine andere Aufgabe, als das Gespräch noch einmal wieder möglichst ursprünglich durchzusprechen.


b) Die Zugangsart: Erkenntnis und Wahrheit, ἀλήθεια


Die Zugangs- und Umgangsart, die das Seiende als so und so Seiendes erschließt und das so Erschlossene in Besitz bringt, pflegt man ab das Erkennen zu bezeichnen. Das Erkennen, das das Seiende aufschließt, ist »wahr«. Eine Erkenntnis, die das Seiende ergriffen hat, drückt sich aus und schlägt sich nieder in einem Satz, einer Aussage. Man bestimmt dann eine solche Aussage als eine Wahrheit Am Begriff der Wahrheit bzw. am Phänomen der Wahrheit, wie es die Griechen bestimmt haben, werden wir also Aufschluß gewinnen über das, was für die Griechen Erkennen und was es »in seinem Verhältnis« zum Seienden ist Denn vermutlich haben sie den Begriff der »Wahrheit« als »Eigenschaft« des Erkennens im Hinblick auf das Erkennen, das in ihrem Dasein lebendig war, begrifflich auseinandergelegt. Wir wollen nicht die Geschichte der griechischen Logik durchgehen; sondern wir suchen die Orientierung da, wo innerhalb

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