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Vorbetrachlung

geraubt — privare, wie dies das α-privativum sagt. Bei den Griechen ist die Wahrheit, für uns das Positive, negativ als ἀλήθεια und die Falschheit, das für uns Negative, positiv als ψεῦδος ausgedrückt, ἀλήθεια heißt nickt mehr verborgen sein, aufgedeckt sein Dieser privative Ausdruck deutet an, daß die Griechen ein Verständnis davon hatten, daß das Unverdecktsein der Welt erst errungen werden muß, daß es etwas ist, was zunächst und zumeist nicht verfügbar ist. Die Welt ist zu nächst, wenn auch nicht völlig, verschlossen; das erschließende Erkennen ist zunächst überhaupt noch nicht vorgedrungen; er schlossen ist die Welt nur im nächsten Umkreis der Umwelt, insoweit es die natürlichen Bedürfnisse verlangen. Und gerade das, was im natürlichen Bewußtsein in gewissen Grenzen vielleicht ursprünglich erschlossen war, wird zumeist wieder verdeckt und verstellt durch das Sprechen. Meinungen verfestigen sich in Begriffen und Sätzen, und diese werden nachgesprochen, so daß das, was ursprünglich erschlossen war, wieder verborgen wird. So bewegt sich das alltägliche Dasein in einer doppelten Verdecktheit: zunächst in der bloßen Unkenntnis, sodann aber in einer viel gefährlicheren Verdecktheit, insofern das Entdeckte durch das Gerede zur Unwahrheit wird. Mit Bezug auf diese doppelte Verdecktheit ist eine Philosophie vor die Aufgabe gestellt, einmal positiv erstmalig zu den Sachen vorzubrechen, zum anderen gleichzeitig den Kampf gegen das Gerede aufzunehmen. Beide Tendenzen sind die eigentlichen Antriebe der geistigen Arbeit des Sokrates, Platos und Aristoteles'. Ihr Kampf gegen Rhetorik und Sophistik ist das Zeugnis dafür. Die Durchsichtigkeit der griechischen Philosophie ist also nicht in der sogenannten Heiterkeit griechischen Daseins gewonnen, als sei es den Griechen im Schlafe gegeben worden. Die nähere Betrachtung ihrer Arbeit zeigt gerade, welcher Anstrengung es bedurfte, um zum Sein selbst und zugleich durch das Gerede hindurchzudringen. Das heißt aber, daß wir nicht erwarten dürfen, die Sachen billiger zu bekommen, zumal wir durch eine reiche und verwickelte Tradition belastet sind.


Martin Heidegger (GA 19) Platon Sophistes