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§ 4. Die Bedeutung des ἀληθεύειν bei Aristoteles

Weh und nach dem Sein des Seienden als menschlichem Dasein, der philosophisch wissenschaftlichen Existenz, bewegen. Wir werden in den Stand gesetzt, die möglichen Wege des platonischen Forschens mitzumachen.

Bevor Aristoteles die Weisen des ἀληθεύειν aufzählt, sagt er: ἀληθεύει ἡ ψυχή. Die Wahrheit ist also zwar ein Charakter des Seienden, sofern es begegnet, aber im eigentlichen Sinne doch eine Seinsbestimmung des menschlichen Daseins selbst Denn jede Bemühung des Daseins um Erkenntnis muß sich durchsetzen gegen die Verdecktheit des Seienden, die dreifacher Art ist: 1. Unkenntnis 2. herrschende Meinung 3- Irrtum. Das menschliche Dasein also ist es, das eigentlich wahr ist; es ist in der Wahrheit — wenn wir ἀλήθεια mit Wahrheit übersetzen. Wahrsein, In-der-Wahrheit-Sein, als Bestimmung des Daseins besagt: das jeweilig Seiende, mit dem das Dasein Umgang pflegt, unverdeckt zur Verfügung haben. Was bei Aristoteles schärfer gefaßt ist, hat schon Plato gesehen: ἡ ἐπ' ἀλήθειαν ὁρμωμένη ψυχή (vgl. Soph. 228c1 sq)1, die Seele setzt sich von sich aus auf den Weg zur Wahrheit, zum Seienden, sofern es unverdeckt ist. Andererseits wird von den οἱ πολλοί gesagt: τῶν πραγμάτων τῆς ἀληθείας ἀφεστῶτας (Soph. 234c4 sq), sie stehen noch ferne von der Unverborgenheit der Sachen. Daraus sehen wir, daß wir bei Plato dieselbe Orientierung wie bei Aristoteles Finden werden. Bei ihnen muß man eine einheitliche Stellung zu den Grundfragen des Daseins voraussetzen. Die Seele, das Sein des Menschen, ist also, streng genommen, das, was in der Wahrheit ist2.

Wenn wir beim Sinn von Wahrheit als Unverdecktsein, Aufgedecktsein bleiben, wird deutlich, daß Wahrheit so viel besagt wie Sachlichkeit, verstanden als solches Verhalten des Daseins


1 Sofern die griechischen Zitate auf Grund des pädagogisch bestimmten Vorlesungsstils Heideggers vom griechischen Originaltext abweichen, werden die Stellenangaben im Folgenden mit dem Zusatz »vgl.« versehen.

2 s. Anhang.

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