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Übersicht über die Heuen des ἀληθεύειν

zur Welt und zu sich selbst, in dem das Seiende der Sache nach da ist. [17] Dies ist die recht verstandene »Objektivität«. Im ursprünglichen Sinn dieses Wahrheitsbegriffs liegt noch nicht beschlossen die Objektivität als Allgemeingültigkeit, Allverbindlichkeit. Diese hat gar nichts mit Wahrheit zu tun. Es kann etwas allgemeingültig, allverbindlich und doch nicht wahr sein. Die meisten Vorurteile und Selbstverständlichkeiten sind solche allgemeine Gültigkeiten, die sich dadurch auszeichnen, daß sie das Seiende verstellen. Umgekehrt kann gerade das wahr sein, was nicht für jeden, sondern nur für einen einzelnen verbindlich ist. Zugleich ist in diesem Wahrheitsbegriff, der Wahrheit als Aufdecken, noch nicht präjudiziert, daß eigentliches Aufdecken notwendig das theoretische Erkennen oder eine bestimmte Möglichkeit des theoretischen Erkennens, etwa Wissenschaft oder gar Mathematik, sein müßte, so als wäre die Mathematik als strengste Wissenschaft auch die wahrste und wahr am Ende nur das, was dem Evidenzideal der Mathematik gleichkommt. Die Wahrheit, Unverborgenheit, das Aufgedecktsein, richtet sich vielmehr nach dem Seienden selbst und nicht nach einem bestimmten Begriff von Wissenschaftlichkeit. Das liegt in der Tendenz des griechischen Wahrheitsbegriffs. Andererseits hat gerade diese griechische Interpretation der Wahrheit dazu geführt, daß man im theoretischen Erkennen das eigentliche Ideal des Erkennens gesehen und alle Erkenntnis nach der theoretischen Erkenntnis orientiert hat. Wie das kam, können wir nicht näher verfolgen; wir wollen uns nur die Wurzel dieser Möglichkeit klar machen.


b) Die Geschichte des Wahrheitsbegriffs


ἀληθές bedeutet dem Wortsinn nach: unverdeckt Unverdeckt sind zunächst die Sachen, die πράγματα. τὸ πράγμα ἀληθές. Diese Unverdecktheit kommt der Sache nicht zu, sofern sie ist, sondern sofern sie begegnet, sofern sie Gegenstand eines Umgangs ist. Demnach ist das Unverdecktsein eine spezifische Leistung

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