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§ 5. Erste Gliederung der fünf Weisen des ἀληθεύειν

haben. Die τέχνη hat zu tun mit Dingen, die erst gemacht werden, die noch nicht das sind, was sie sein werden. Die φρόνησις macht die Situation zugänglich; die Umstände sind bei jeder Handlung immer wieder andere. Dagegen gehen ἐπιστήμη und σοφία auf das, was immer schon da ist, was man nicht erst herstellt.

Diese erste und primitivste ontologische Unterscheidung erwächst nicht erst in einer philosophischen Betrachtung, sondern sie ist eine solche des natürlichen Daseins selbst; sie ist nicht konstruiert, sondern liegt in dem Horizont, in dem sich das ἀληθεύειν des natürlichen Daseins bewegt. In seiner natürlichen Seinsart beschäftigt es sich mit den Dingen, die Gegenstände des Schaffens, des nächsten, alltäglichen Besorgens sind. Diese ganze Umwelt ist nicht in sich abgekapselt, sondern sie ist ein bestimmter Ausschnitt der Welt selbst Haus und Hof haben ihr Sein unter dem Himmel, unter der Sonne, die jeden Tag ihren Gang geht, jeden Tag gleichmäßig immer wieder erscheint und verschwindet. Diese Welt der Natur, die immer so ist, wie sie ist, ist gewissermaßen der Hintergrund, von dem sich das Anders-sein-Könnende abhebt. Diese Unterscheidung ist eine ganz ursprüngliche. Deshalb ist es verfehlt, zu sagen, es seien zwei Seinsgebiete, etwa zwei Felder, die bei der theoretischen Betrachtung nebeneinander gelegt werden. Vielmehr ist diese Unterscheidung die Welt und deren erste ontologische Gliederung, überhaupt.

Deshalb sagt Aristoteles sogleich mit Bezug auf das Prinzip der Unterscheidung von ἐπιστημονικόν und λογιστικόν: Sie muß sich orientieren nach dem Seienden. πρὸς γὰρ τὰ τῷ γένει ἕτερα καὶ τῶν τῆς ψυχῆς μορίων ἕτερον τῷ γένει τὸ πρὸς ἑκάτερον πεφυκός, εἴπερ καὶ καθ᾽ ὁμοιότητά τινα καὶ οἰκειότητα ἡ γνῶσις ὑπάρχει αὐτοῖς (1139a8 sqq). Ich übersetze vom Ende her: »Wenn anders diesen beiden Seelenteilen — den beiden Weisen des ἀληθεύειν der menschlichen ψυχή, d.h. dem ἐπιστημονικόν und dem λογιστικόν — verfügbar sein soll das Vertrautsein mit den Dingen — die γνῶσις, die nicht das theoretische Erkennen, sondern in


Martin Heidegger (GA 19) Platon Sophistes