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Übersicht über die eisen des ἀληθεύειν

ist. Denn für die Griechen heißt Sein: Anwesendsein, Gegenwärtigsein, Deshalb ist das, was immer im Jetzt ist, das eigentlich Seiende und die ἀρχή, der Ursprung des übrigen Seienden. Jede Bestimmung eines Seienden wird, wenn sie sein soll, auf ein Immer-Seiendes zurückgeleitet und von ihm her verstanden. [24]

Andererseits betont Aristoteles: τὰ ἀεὶ ὄντα, ᾗ ἀεὶ ὄντα, οὐκ ἔστιν ἐν χρόνῳ (Phys. Δ, 12; 221b3 sqq). »Das immer Seiende, sofern es immer ist, ist nicht in der Zeit«, οὐδὲ μετρεῖται τὸ εἶναι αὐτῶν ὑπὸ τοῦ χρόνου (ibid.), »es leidet nichts von der Zeit«, es ist unveränderlich. Und doch behauptet Aristoteles auch, daß gerade der Himmel das Ewige, αἰών, ist, und zwar ewig im Sinne der sempiternitas, nicht der aeternitas. Hier, »Physik« Δ, 12, dagegen sagt er, daß die ἀεὶ ὄντα nicht in der Zeit sind. Jedoch gibt Aristoteles eine genaue Aufklärung darüber, was er unter dem »In-der-Zeit-Sein« versteht. »In-der-Zeit-Sein« besagt: τὸ μετρεῖσθαι τὸ εἶναι ὑπὸ τοῦ χρόνου (vgl. b5), »mit Bezug auf das Sein durch die Zeit gemessen werden«. Es handelt sich also bei Aristoteles nicht um einen beliebigen und durchschnittlichen Begriff von »in der Zeit«. Sondern alles, was durch die Zeit gemessen wird, ist in der Zeit Gemessen aber wird etwas durch die Zeit, sofern seine Jetzte bestimmt werden: jetzt und jetzt im Nacheinander. Was aber immer ist, was ständig im Jetzt ist, dessen Jetzte sind unzählig, grenzenlos, άπειρον. Weil die unendlichen Jetzte des άΐδιον nicht meßbar sind, ist das άίδιον, das Ewige, nicht in der Zeit, Deshalb aber ist es nicht »überzeitlich« in unserem Sinne. Was nicht »in der Zeit« ist, ist aristotelisch noch »zeitlich«, d.h. es ist aus der Zeit bestimmt, — wie denn das ἀίδιον, das nicht in der Zeit ist, durch das ἄπειρον der Jetzte bestimmt ist.

Wir müssen das Eigentümliche festhalten, daß das Seiende in seinem Sein aus der Zeit interpretiert wird Das Seiende der ἐπιστήμη ist das ἀεὶ ὄν. Dies ist die erste Bestimmung des ἐπιστητόν.


Martin Heidegger (GA 19) Platon Sophistes

Plato's Sophist p. 24

GA 19