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Übersicht über die Weisen des ἀληθεύειν

ist. Sobald das Werk fertig ist, fällt es aus dem Herrschaftsbereich der τέχνη heraus: Es wird Gegenstand des betreffenden Gebrauchs. Das wird bei Aristoteles eben so ausgedrückt, daß das ἔργον »παρά« ist (vgl. Eth. Nic. I, 1; 1094a4 sq). Das ἔργον, sobald es fertig ist, ist παρά, »neben« der τέχνη. Die τέχνη geht also auf ein Seiendes, sofern es im Werden begriffen ist. ἔστιν δὲ τέχνη πᾶσα περὶ γένεσιν (Eth. Nic. VI,4; 1140al0 sq).

Innerhalb des Seienden, das durch das Werden bestimmt ist, unterscheidet Aristoteles drei Möglichkeiten: τῶν δὲ γιγνομένων τὰ μὲν φύσει γίγνεται τὰ δὲ τέχνῃ τὰ δὲ ἀπὸ ταὐτομάτου (Met. VII, 7; 1032al2 sqq). »Von dem, was wird, das ist einmal φύοει solches, was sich selbst herstellen kann -. anderes ist durch τέχνη, anderes, was zufällig geschieht«. Bei dem Zufälligen denkt Aristoteles vor allem an Mißgeburten und dergleichen, d.h. solches, was eigentlich wider die Natur ist, aber doch in gewissem Sinne auch wieder von selbst, φύοει, wird. Die Weisen des Werdens, die nicht die der Natur sind, nennt Aristoteles ποιήσεις, αἱ δ᾽ ἄλλαι γενέσεις λέγονται ποιήσεις (a26 sq). Durch solche ποίησις wird, ὅσων τὸ εἶδος ἐν τῇ ψυχῇ (b1), »alles das, dessen Aussehen in der Seele ist«. Wir müssen das genauer betrachten, um zu verstehen, inwiefern die τέχνη die ἀρχή in gewisser Weise hat, in gewisser Weise nicht hat Ζ.B. bei der τέχνη ἰατρική ist die Gesundheit, bei der οίκοδομική das Haus das εἶδος ἐν τῇ ψυχῇ. Wenn ein Haus gebaut werden soll, dann ist der Grundvollzug des Überlegens — der τέχνη — von folgender Struktur: Da das Haus so und so sich ausnehmen soll, ist es notwendig, daß dafür das und das vorhanden ist. [30] Bei dieser prinzipiellen Überlegung ist ἐν τῇ ψυχῇ ein ἀληθεύειν, ein Aufdecken — hier, b6, νοεῖν — ein ἀποφαίνεσθαι, Sehenlassen dessen, was hergestellt werden soll. Und was hier in der Seele aufgedeckt wird und in ihr präsent ist, das ist das εἶδος des Hauses, das Aussehen, das »Gesicht« des Hauses, wie es einmal dastehen soll und welches seine eigentliche Anwesenheit ausmacht. Dieses wird ἐν τῇ ψυχῇ in einer προαίρεσις vorweggenommen. Denn das Haus, das hergestellt werden soll, ist ja noch nicht da. Der Ausdruck


Martin Heidegger (GA 19) Platon Sophistes

GA 19