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Übersicht über die Weisen des ἀληθεύειν

§ 8. Die Analyse der φρόνησις (Eth, Nic. FL 5)


Die Analyse der φρόνησης geht davon aus, daß zuerst wieder bestimmt wird, worauf sie sich bezieht, um sie sodann gegen die beiden zunächst analysierten Weisen des ἀληθεύειν, ἐπιστήμη und τέχνη, abzugrenzen. Dabei springt die φρόνησις in der Abgrenzung gegen die ἐπιστήμη als δόξα," in der Abgrenzung gegen die τέχνη als ἀρετή heraus. Das macht den geschlossenen Zusammenhang von Eth. Nic. VT, cap. 5 aus, wo Aristoteles die Analyse der φρόνησις durchführt.

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a) Der Gegenstand der φρόνησις: das Dasein selbst.

Die Bestimmung des τέλος der φρόνησις in Abgrenzung gegen das τέλος der τέχνη. Sein Verhältnis zum ἀληθεύειν: vorgängige Identität in der φρόνησις; Verschiedenheit (παρά) in der τέχνη


Aristoteles beginnt mit der Frage, was man im natürlichen Dasein unter der φρόνησις versteht bzw. welchen Menschen man einen φρόνιμος nennt, δοκεῖ δὴ φρονίμου εἶναι τὸ δύνασθαι καλῶς βουλεύσασθαι περὶ τὰ αὑτῷ ἀγαθὰ καὶ συμφέροντα, οὐ κατὰ μέρος, οἷον ποῖα πρὸς ὑγίειαν, πρὸς ἰσχύν, ἀλλὰ ποῖα πρὸς τὸ εὖ ζῆν ὅλως (1140a25 sqq). »Ein φρόνιμος ist offensichtlich der, der gut, angemessen überleben kann«, der βουλευτικός ist; und zwar der angemessen überlegen kann »das, was gut — das Fertigsein ausmachend — und zuträglich ist αύτῷ, für ihn, den Überlegenden, selbst...« Der Gegenstand der φρόνησις ist also zwar bestimmt als etwas, was auch anders sein kann, aber er hat von vorneherein Bezug, auf den Überlegenden selbst Dagegen bezieht sich die Überlegung der τέχνη lediglich auf das, was beiträglich ist zur Herstellung von etwas anderem, nämlich des ἔργον, z.B. des Hauses. Die Überlegung der φρόνησις aber bezieht sich auf dieses ἔργον, sofern es für den Überlegenden selbst beiträglich ist. Das ἀληθεύειν der φρόνησις hat also in sich

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