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§ & Die Analyse der φρόνησις

kann nicht die ἀρετή der τέχνη sein, und dies auf Grund der Vollzugsart des ἀληθεύειν selbst, ganz abgesehen davon, daß das Seiende der τέχνη ein ποιητόν das der φρόνησις ein πρακτόν ist. So ist klar, daß die φρόνησις eine ἀρετή ist, aber keine τέχνη, δῆλον οὖν ὅτι ἀρετή τίς ἐστιν καὶ οὐ τέχνη (b24 sq). Und weil die φρόνησις sich auf die ἀρχή und das τέλος zugleich richtet und beide verwahrt, ist sie die βελτίστη ἕξις des ἀληθεύειν innerhalb desjenigen Seienden, das auch anders sein kann.

Wie steht die φρόνησις nun zur ἐπιστήμη? Das λόγον ἔχον ist in zwei Grundmöglichkeiten geteilt: das λογιστικόν und das ἐπιστημονικόν. Da die φρόνησις nicht die ἀρετή der τέχνη ist, stellt sich die Frage, ob sie die ἀρετή für die ἐπιστήμη bzw. das ἐπιστημονικόν sein kann. Nun scheint es zwar, daß die φρόνησις die ἀρετή der ἐπιστήμη ist, allerdings der ἐπιστήμη in einer Vorstufe Innerhalb des Wissens gibt es in der Tat eine Weise des Aufdeckens, die sich genau wie die φρόνησις auf das Seiende bezieht,.das auch anders sein kann: die δόξα. ἥ τε γὰρ δόξα περὶ τὸ ἐνδεχόμενον ἄλλως ἔχειν καὶ ἡ φρόνησις (b27 sq). Die δόξα hat in gewissem Sinne lediglich Kenntnischarakter; sie ist so etwas wie eine »thematische« Meinung, eine Ansicht, die für ein bestimmtes Handeln gar nichts zu sagen hat. Über alltägliche Dinge, die geschehen und daher sich ändern, hat das natürliche Dasein bestimmte Ansichten und Meinungen. Und man könnte meinen, daß für die δόξα, die keine eigentliche Weise des ἀληθεύειν ist, in der Tat die φρόνησις die ἀρετή ist. Aristoteles zeigt also die Möglichkeit, daß der Boden der φρόνησις die δόξα ist. Das erwägt er nicht der Vollständigkeit halber, sondern solche Meinungen sind aufgetaucht. Jedoch schneidet Aristoteles diese Möglichkeit ab: ἀλλὰ μὴν οὐδ᾽ ἕξις μετὰ λόγου μόνον (b28). »Aber die φρόνησις ist keine ἕξις des ἀληθεύειν, die in sich eigenständig ist, die lediglich um des Aufdeckens willen ist«; sondern sie ist eine ἕξις des ἀληθεύειν, die πρακτική ist- Weil das zu ihrer Struktur gehört, kann sie von vorneherein nicht als τελείωσις der δόξα in Betracht kommen, die ja allein auf das Ansicht-Haben abzielt. Ferner ist zu beachten, daß das ἀληθεύειν,

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