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Übersicht über die Weisen des ἀληθεύειν

wie es in der δόξα, in der μάθησις, in der ἐπιστήμη ist, einen eigentümlichen Charakter des Verfallens hat. Das, was ich erfahren, mir gemerkt, gelernt habe, kann ich vergessen; diese Möglichkeit des ἀληθεύειν untersteht der λήθη, — worin der Stamm des λανθάνειν steckt; es kann in die Verborgenheit zurücksinken. Das Vergessen-werden-Können ist eine spezifische Möglichkeit des ἀληθεύειν, das den Charakter des θεωρεῖν hat. Denn die ἕξις μετὰ λόγου ist eine ἕξις des ἀληθεύειν^ίη die sich das Dasein eigens bringt. Anders steht es mit der φρόνησις. Das zeigt sich daran, daß ich erfahren, merken, lernen kann, was schon erfahren, gemerkt, gelernt ist, während die φρόνησις jedesmal neu ist. So gibt es bezüglich der φρόνησις auch keine λήθη: σημεῖον δ᾽ ὅτι λήθη μὲν τῆς τοιαύτης ἕξεως ἔστι, φρονήσεως δ᾽ οὐκ ἔστιν (b28 sqq). Bei der φρόνησις gibt es nicht die Verfallensmöglichkeit des Vergessens. Zwar ist die Explikation, die Aristoteles hier gibt, sehr knapp. Aber es ist doch aus dem Zusammenhang deutlich, daß man in der Interpretation nicht zu weit geht, wenn man sagt, daß Aristoteles hier auf das Phänomen des Gewissens gestoßen ist. Die φρόνησις ist nichts anderes als das in Bewegung gesetzte Gewissen, das eine Handlung durchsichtig macht. Das Gewissen kann man nicht vergessen. Wohl aber kann man das, was das Gewissen aufdeckt, durch ἡδονή und λύπη, durch Leidenschaften, verstellen und unwirksam werden lassen. Das Gewissen meldet sich immer wieder. Weil also die φρόνησις nicht die Möglichkeit der λήθη hat, ist sie keine Weise des ἀληθεύειν, die man als theoretisches Wissen ansprechen könnte. Sie kommt daher als ἀρετή für ἐπιστήμη oder τέχνη nicht in Frage. Wir werden noch genauer sehen, wie der Zusammenhang zwischen ἐπιστήμη und τέχνη und den beiden höchsten Weisen des ἀληθεύειν, φρόνησις und σοφία, aussieht.

Das Frappante ist nun, daß Aristoteles die οοφία als ἀρετή der τέχνη bezeichnet (Eth. Nic. VI, 7; 1141a12). Die höchste Weise des ἀληθεύειν, das philosophische Betrachten, welches für Aristoteles die höchste Existenzweise des Menschen ist, ist zugleich

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