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Übersicht über, die Weisen des ἀληθεύειν

ἀκριβέστατη τῶν ἐπιστημῶν (vgl. Eth. Nic. VI, 7; 1141a17), als »strengste aller Wissenschaften« ist.

Wir beginnen mit 2. und werden sehen, daß die σοφία die höchste Möglichkeit griechischen Daseins ist und als solche von Aristoteles zum ersten Mal aus dem natürlich alltäglichen Dasein der Griechen verständlich gemacht worden ist.

Bezüglich der Methode dieser Interpretation wie überhaupt zu der in dieser Vorlesung geübten, sei bemerkt, daß sie in einer Phänomenologie des Daseins gründet, die hier nicht ausdrücklich vorgetragen werden kann. Hier sei nur eine kurze methodische Überlegung angeführt. Methodische Spekulationen haben ja wenig Sinn, wenn keine Sache dahinter steht. Wir wollen zunächst konkrete Interpretation treiben und die »Methodenfrage« zurückstellen. Freilich ist diese dann mehr, als das Wort besagt; sie ist nämlich dann selbst wieder Sachforschung. In der Interpretation geht es methodisch also nicht darum, bisher unbeachtete Texte und Stellen des Aristoteles beizuziehen — er steht seit 2000 Jahren zur Verfügung —, sondern in der Vorbereitung für die Interpretation liegt selbst schon eine reiche Hermeneutik, — was nicht besagt, daß hier unkritisch bezüglich anderer Standpunkte herumgedeutet wird —. Voraussetzung der Interpretation ist also, daß das Dasein im Thema ist, und wenn die Interpretation in Aristoteles etwas »hineindeutet«, so geht es ihr darum, wieder zu erlangen und zu verstehen, was eigentlich bei ihm vor sich geht. Ein anderes ist, auf ein philosophisches System nach verschiedenen Disziplinen abzusehen, ein anderes, die Sachen schärfer, die Tendenzen ausdrücklicher zu machen und nicht dahinter zurück zu bleiben.

Die σοφία hat die Vollzugsart des reinen Erkennens, des reinen Sehens, des θεωρεῖν; sie ist der βίος θεωρητικός.. Das Wort θεωρεῖν war auch schon vor Aristoteles bekannt. Aristoteles hat zum ersten Mal das Wort θεωρητικός verwandt. Das Wort θεωρεῖν, θεωρία kommt von θεωρός, das zusammengesetzt ist aus θέα, Blick, Anblick, und ὀράω, sehen, θέα, der Anblick, der zu


Martin Heidegger (GA 19) Platon Sophistes

GA 19