66
Die Genesis der σοφία im natürlichen Dasein

von einer »Improvisation« sprechen dürfen, — auch nicht, wenn man sie großzügig nennt. Bei Aristoteles sind diese Begriffe schon im Anfang ganz klar, wenn dieses 1. Buch der »Metaphysik« wirklich früh anzusetzen ist. Met.I, 1 und 2 ist ganz aus demselben Horizont wie Eth. Nic. VI gesehen. Allerdings ist nicht das ἀληθεύειν als solches ausdrücklich; das zeigt Met. 1,1; 981b5 sqq, wo Aristoteles statt seiner sagt: λόγον Εχειν, αίτιας γνωρίζειν, und schließlich überhaupt die ἀρχή erkennen. Die σοφία ist also als eine Weise des λόγον ἔχειν zu bestimmen. Das geht zusammen mit der Bestimmung des Daseins selbst bzw. des Menschen als λόγον ἔχον.

Welches ist das nächste und ursprünglichste Phänomen des natürlichen Daseins, das man als Vorstufe der σοφία ansprechen kann? Wenn man solche Fragen stellt, muß zunächst nach einem Leitfaden gefragt werden. Leitfaden des Aristoteles ist, sich vom Dasein selbst »Aufschluß« zu holen, d. h. bei dem, was das Dasein, das sich selbst ausspricht, meint, wenn es die Ausdrücke σοφία, σοφός gebraucht. Dabei faßt Aristoteles ein Zweifaches ins Auge. Einmal muß sich im alltäglichen Gebrauch dieser Ausdrücke verraten, welches Verständnis das natürliche Dasein von diesen Ausdrücken hat. Zwar hat das alltägliche Dasein keinen scharfen, wissenschaftlichen Begriff von diesen Ausdrücken, — wie überhaupt das nächste SichAussprechen als nächstes unbestimmt ist und nie eindeutig fixierte Begriffe hat. Das widerstreitet jedoch nicht der Möglichkeit, daß das Dasein im Verständnis seiner sicher geht. Wie alles Reden des Alltags bewegt sich das Dasein auch bei diesen Ausdrücken in der Unbestimmtheit des »Mehr oder Minder«; man spricht nicht von σοφός, sondern von μάλλον und ήττον σοφός; man kann es nicht definieren, weiß aber: das ίβΐσοφώτεpov als das. Diese komparativische Art des Sprechens ist charakteristisch für das Alltägliche, es kommt nur darauf an, es aufzugreifen und aus ihm herauszuhören, was das μάλιστα dieses μάλλον ist. Diese Methode verfolgt Aristoteles in Met. 1,1. Zum anderen orientiert sich Aristoteles an dem, was das Da-

GA 19