70
Die Genesis der σοφία im natürlichen Dasein

bestimmt ist, geht Aristoteles im 1. Satz der »Metaphysik« von diesem Dasein aus: πάντες ἄνθρωποι τοῦ εἰδέναι ὀρέγονται φύσει (Met. I, 1; 980a1 sq). »Alle Menschen haben in sich ein Streben zu/sehen«. Zum Dasein gehört das »Sehen«, das Vernehmen im weitesten Sinne; ja noch mehr: es gehört zu ihm die ὄρεξις, das. Aussein auf das Sehen, auf das Bekanntsein mit... σημεῖον δ᾽ ἡ τῶν αἰσθήσεων ἀγάπησις (a1 sq). »Zeichen dafür ist die Vorliebe für das Betrachten, das Wahrnehmen«. Im Zusammenhang mit dem εἰδέναι als dem, wonach das menschliche Dasein trachtet, stellt Aristoteles den Vorrang einer αἴσθησις vor allen anderen, nämlich des Sehens, heraus. Dem Sehen, ὁρᾶν, geben wir den Vorzug vor allen anderen Sinnen. Leitender Gesichtspunkt ist dabei die Möglichkeit, etwas durch die Sinne über die Welt zu erfahren, bzw. das Ausmaß, demgemäß das Seiende der Welt durch die Sinne aufgedeckt wird, αἴτιον δ᾽ ὅτι μάλιστα ποιεῖ γνωρίζειν ἡμᾶς αὕτη τῶν αἰσθήσεων καὶ πολλὰς δηλοῖ διαφοράς (a26 sq). δηλοῦν heißt hier sehen lassen, offenbar machen. Unter den Sinnen ist das Sehen dadurch ausgezeichnet, daß »es viele Unterschiede sehen läßt«; das Sehen gibt die größte Möglichkeit, die Dinge in ihrer Mannigfaltigkeit zu unterscheiden und sich unter ihnen zu orientieren. Diese Vorzugsstellung des όράν ist umso merkwürdiger, als Aristoteles b23 betont, daß das ἀκούειν die höchste αἴσθησις ist. Das widerspricht sich nicht. Hören ist die Grundverfassung des Menschen, der spricht. Mit dem Sprechen gehört das Hören zu seiner Möglichkeit. Weil der Mensch hören kann, kann er lernen. Beide Sinne, das Hören und das Sehen, haben nach verschiedenen Richtungen hin einen Vorzug: da§ Hören ermöglicht die Mitteilung, das Verstanden werden von anderen; das Sehen, hat den Vorzug des primären Erschließens der Welt, so daß das Gesehene besprochen und im λόγος ausführlicher angeeignet werden kann.

In einer vorgreifenden, abschließenden Charakteristik bestimmt Aristoteles das Sein des Menschen in dieser Weise: τὸ δὲ τῶν ἀνθρώπων γένος ‹ζῇ› καὶ τέχνῃ καὶ λογισμοῖς (b27 sqq). Diese


Martin Heidegger (GA 19) Platon Sophistes