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Die Genesis der σοφία im natürlichen Dasein

die Möglichkeit einer einzigen ἐμπειρία aus, eines einzigen Verfahrens«. Das Wesentliche an der ἐμπειρία ist das Gegenwärtighalten eines bestimmten Zusammenhanges von Vorkommnissen in derselben Sache. Aristoteles bringt später, 981a7 sqq, ein Beispiel für die ἐμπειρία aus der Medizin, das wir vorwegnehmen können. Wenn die alltägliche Erfahrung für den Gesundheitszustand, für das jeweilige leibliche Befinden des Menschen, bestimmte Mittel erfindet, so stehen diese Mittel zunächst noch außerhalb einer wirklichen Einsicht in den Wirkungszusammenhang des Mittels selbst gegenüber dem, was es beseitigen soll. Es wird verstanden nur ein Zusammenhang, den wir als Zusammenhang der Anwesenheit von bestimmten Vorkommnissen kennzeichnen müssen. Schematisch dargestellt, ist dieser Zusammenhang so zu formulieren: sobald der und der Zustand eintritt, dann muß das und das Mittel angewandt werden; sobald das — dann das. Was der Zustand ist, was das Mittel ist und wie der Zustand beseitigt wird, kommt gar nicht zur Einsieht; es kommt lediglich darauf an, dem Übel abzuhelfen. Sie sehen ohne weiteres, daß dieser Zusammenhang ein Zeitliches ist, und zwar zunächst ein rein Zeitliches: sobald das ..., dann das ... Es handelt sich hier um einen eigentümlichen Zusammenhang des Zeitlichseins des Daseins. Das Gegenwärtigen des Daseins, das sich im »Jetzt« ausspricht, tritt hier auf als »sobald«: sobald das ..., dann das...

Dieser Zusammenhang kann sich nun im Laufe der Zeit zur Erfahrung ausbilden, πλῆθος γὰρ χρόνου ποιεῖ τὴν ἐμπειρίαν (Eth. Nic. VI,8; 1142a15 sq). Dann verfügt das Dasein über eine bestimmte Orientierung. Abgehoben ist in der ἐμπειρία lediglich dieser Zusammenhang des Sobald dann. Ich kann hier nicht genauer auf die Struktur dieses Zusammenhangs eingehen. Dieses Sobald-dann — sobald das gegenwärtig ist, dann muß das beigeschafft, auch gegenwärtig werden — bezeichne ich als Zusammenhang des Gegenwärtigens. In der αἴσθησις, dem nächsten Sich-Orientieren des Daseins, sind die Umstände und die Dinge zufällig, je nachdem, wie es sich gerade gibt. Gegen-


Martin Heidegger (GA 19) Platon Sophistes

GA 19