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§ 11.Die ersten drei Stufen des εΐίέναι

modifiziert sich das, was in der ἐμπειρία in einem ganz vorläufigen Verständnis gegeben ist: Das Sobald — dann wird zum Wenn das — dann das, zum Wenn — so. Dieses Wenn hat zunächst eine ganz merkwürdige, indifferente Bedeutung: es besagt nicht mehr nur ein bloßes Sobald, sondern auch schon ein gewisses Weil. Wenn, und d. h. in gewisser Weise: weil das und das sich zeigt, muß ich das und das anordnen. So modifiziert sich also der Verweisungszusammenhang dadurch, daß das Verstehen eigentlicher wird. Und das Verstehen wird eigentlicher, sofern das, um was es sich handelt, in seinem Aussehen abgehoben wird. Das Verstehen gründet jetzt nicht mehr im Gegenwärtigen des Ausführungs- und Verrichtungszusammenhangs, im Behalten der Aufeinanderfolge, sondern in der Präsentation des Aussehens der Sache, auf deren Behandlung das Besorgen gerichtet ist. Deshalb sagen wir, daß der, der über die τέχνη verfügt, αοφώτερος, mehr ein σοφός ist als der, der nur über die ἐμπειρία verfügt, καὶ σοφωτέρους τους τεχνίτας των ἐμπείρων οπολαμβάνομεν (a25 sq). Das neue Phänomen, das die Möglichkeit bietet, die τέχνη gegenüber der ἐμπειρία als σοφωτέρα anzusprechen, hegt in der Richtung des Sehens, nicht der Ausführung. Diese bleibt unangetastet. Im Gegenteil, sie kann als solche in der ἐμπειρία sogar besser ausfallen als in der τέχνη: πρὸς μὲν οὖν τὸ πράττειν ἐμπειρία τέχνης οὐδὲν δοκεῖ διαφέρειν, ἀλλὰ καὶ μᾶλλον ἐπιτυγχάνοντας ὁρῶμεν τοὺς ἐμπείρους τῶν ἄνευ τῆς ἐμπειρίας λόγον ἐχόντων (a12 sqq). »Es scheint, daß hinsichtlich des Ausführens die ἐμπειρία sich in nichts unterscheidet von der τέχνη, ja wir sehen sogar, daß diejenigen, die über die ἐμπειρία verfugen, besser zum Ziel kommen als die, die ohne die ἐμπειρία nur den λόγος haben«, d.h. das Aussehen, den Strukturzusammenhang des Hergestelltseins aufgedeckt zur Verfügung haben. Derjenige, der in der rechten Weise eingefahren ist, der zugreift, hat meist hinsichtlich des Erfolgs den Vorzug vor dem, der über die Auskenntnis verfügt, αἴτιον δ᾽ ὅτι ἡ μὲν ἐμπειρία τῶν καθ᾽ ἕκαστόν ἐστι γνῶσις ἡ δὲ τέχνη τῶν καθόλου, αἱ δὲ πράξεις καὶ αἱ γενέσεις πᾶσαι περὶ τὸ καθ᾽ ἕκαστόν εἰσιν


Martin Heidegger (GA 19) Platon Sophistes

GA 19