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Die Genesis der σοφία im natürlichen Dasein

Bestimmungen festliegt und das, was zunächst συγκεχυμένως gegeben ist, im ορισμός (b12) gefaßt werden kann. Wenn wir also näher zusehen, so zeigt sich: mit den συγκεχυμένα sind von vorneherein gemeint die Bestandstücke des Seienden, die in der eigentlichen Betrachtung herausgehoben werden sollen, die Αρχαί. Wenn Aristoteles sagt, daß das Seiende συγκεχυμένως gegeben sei, so meint er, daß es schon befragt ist auf eine ἀρχή hin. Wenn wir uns einen Körper in der nächsten Betrachtung vergegenwärtigen, so sind seine Αρχαί nicht eigens gegeben; sie sind aber da, unaufgedeckt, in der αΤσθησις. Damit stimmt zusammen, was wir Met. VII, 3 sahen1: Das Seiende, sofern es in der αΤσθησις gegeben ist, das, was uns zunächst bekannt ist, hat wenig oder nichts vom Seienden. Weil nämlich die Αρχαί in gewisser Weise da sind, aber doch zusammengeschüttet, darum ist das Seiende noch nicht da. Die Anwesenheit ist noch nicht als solche aufgedeckt und ergriffen. Demnach sind die Αρχαί oder, was damit identisch ist, die καθόλου in ihrer Struktur selbst noch verdeckt. Die μέρη sind noch nicht erschlossen; sie sind noch nicht auseinandergelegt in der διαίρεσις. So wird verständlich, wie Aristoteles sagen kann: τά γὰρ ὅλον κατά τήν αίσθησιν γνωριμώτερον (a24 sq). »Das Ganze ist auf die Wahrnehmung hin gesehen vertrauter«. Ich sehe zunächst den ganzen Körper, und dieses ὅλον hat der Möglichkeit nach in sich die περιεχόμενα.

Das ὅλον im Sinne des καθόλου hat, wie sich jetzt herausstellt, eine doppelte Bedeutung; es meint

1. das ὅλον λεγόμενον in dem schon explizierten Sinne: das ὅλον, das sich allein im λέγειν zeigt, dadurch, daß sich im Ansprechen jedes Umgriffene, jedes καθ᾽ ἕκαστον, selbst als das Ganze zeigt: άνθρωπος, Ιππος, θεός sind je für sich ζφα.

2. besagt das καθόλου zugleich, daß jedes ζῷον als solches in sich selbst eine Struktur hat. Das καθόλου beschließt in sich — abgesehen von den Einzelfällen, die es umgreift — bestimmte Strukturmomente, die zunächst in der αΤσθησις nicht ausdrücklich gegeben sind.


5 Vgl. S.84.


Martin Heidegger (GA 19) Platon Sophistes

GA 19