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Die Genesis der σοφία im natürlichen Dasein

Deshalb sind die ersten Wissenschaften, z.B. die Mathematik, darum in Ägypten entstanden, weil den Priestern Zeit gegeben war, nichts zu tun als nur zu betrachten. Wenn also zwar im Dasein eine Tendenz auf das Aufdecken gegeben ist, so wird das eigenständige Nur-Aufdecken doch nur da eigentlich möglich, wo das Dasein frei ist von der Angewiesenheit auf das Besorgen der αναγκαία. In solchem σχολάζειν findet ein Sprung der Verrichtenstendenz statt; in ihm geht es darum, sich des Besorgens der αναγκαία zu enthalten und nur hinsehend aufdeckend sich aufzuhalten bei... Je mehr nun das bloß hinsehende Aufdecken zu seinem Recht kommt, um so mehr wird das Warum — das διὰ τί bzw. die αἰτία — und schließlich mehr und mehr das Von-wo-aus, τὸ διὰ τί πρῶτον (Met. 1,3; 983a29) bzw.: τὰ ἐξ ἀρχῆς αἴτια (vgl. a24) — die ἀρχή — sichtbar.

In der αἴσθησις und ἐπιστήμη haben wir jetzt zwei Endstationen, ohne daß wir die σοφία eigentlich verstanden hätten. Diejenige Möglichkeit, die zum ersten Mal über das bloß momentane Erschließen der αἴσθησις hinausging und das Seiende ausdrücklicher zugänglich machte, ist das Behalten: die μνήμη. Das Gegenwärtighalten als Zugangsart zum Seienden hält sich durch bis zur σοφία, in der sich das Gegenwärtigen ausdrücklich auf die ἀρχαί bezieht.


§14. σοφία (Met 1,2)
Die vier Wesensmomente der, σοφία (πάντα, χαλεπώτατα, ακριβέστατα, αυτής ένεκεν,). Erklärende Rückführung der ersten drei Wesensmomente auf das μάλιστα καθόλου


Die Frage entsteht nun: Was ist die σοφία bzw. der σοφός selbst? Aristoteles nimmt diese Frage »Metaphysik« 1,2 in Angriff Die Entscheidung wird nicht dogmatisch gefällt; vielmehr geht Aristoteles wieder auf das natürliche nächste Dasein selbst zurück, εἰ δὴ λάβοι τις τὰς ὑπολήψεις ἃς ἔχομεν περὶ τοῦ σοφοῦ, τάχ᾽ ἂν ἐκ τούτου φανερὸν γένοιτο μᾶλλον (982a6 sqq).

GA 19