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§ 14. σοφία

Aristoteles klärt dieses πάντα ah ein ὅλον im Sinne des καθόλου auf; er setzt anstelle des πάντα das ὅλον. Jetzt heißt es nicht: Der σοφός sieht das Ganze als Summe des Einzelnen; vielmehr versteht der σοφός das, was jedes Einzelne mit dem anderen letztlich ist. Jetzt zeigt sich: Das πάντα, über das der σοφός verfügt, gründet im ὅλον als dem καθόλου. Das ist das eigentliche παν, das Ganze, auf das der σοφός abzielt. In solchem »Alles«-Verstehen kommt es auf das καθόλου an, welches ein ὅλον λεγόμενον ist; d.h. es kommt auf ein ausgezeichnetes λεγόμενον an: λόγον Εχειν. Deshalb sagt Aristoteles: ανάγεται γὰρ τό διά τί είς τόν λόγον εσχατον (Met. 1,3; 983a28). Es kommt in der σοφία darauf an, daß »das Warum, das αίτιον, zurückgeführt wird auf den äußersten λόγος, auf das äußerste Ansprechen des Seienden in seinem Sein«. Das Aufdecken des καθόλου bedarf nicht des Durchlaufens eines jeden Besonderen als solchen in ausdrücklicher Kenntnisnahme, und es ist nicht so etwas wie die Summe dieser. Das Eigentümliche ist, daß es ein Ganzes ist, ohne daß jeder Fall als Fall registriert wäre. Und trotzdem bzw. gerade deshalb wird das Jeweilige in der Eigentlichkeit seines Anwesendseins verstanden. Dies gründet darin, daß der σοφός von vorneherein zum eigentlichen Ganzen vorausspringt, von wo aus er die Orientierung hat zur Diskussion jedes einzelnen Konkreten. Deshalb kann er, ohne daß er Fachkenntnisse hat, doch letztlich im Eigentlichen mitsprechen. So führt Aristoteles die allgemeine Rede vom πάντα έπίστασθαι auf das ὅλον als καθόλου zurück.

2. Aus der Rückführung der πάντα auf das καθόλου wird zugleich klar, weshalb die alltägliche Auslegung sagt, der σοφός zielt auf das ab, was χαλεπόν, schwer, zu erkennen ist. χαλεπώτατα ταϋτα γνωρίζειν τοις άνθρώποις, τά μάλιστα καθόλου' πορρωτάτω γὰρ τῶν αίσθήσεων ἔστιν (Met. 1,2; 982a24 sq). Was der σοφός erkennt, ist deshalb schwierig, »weil es das am meisten Überhaupt ist«. »Dieses ist am weitesten entfernt von dem, was sich im nächsten Augenschein zeigt«, innerhalb dessen sich die alltägliche Betrachtung aufhält.


Martin Heidegger (GA 19) Platon Sophistes

GA 19