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Die Genesis der σοιρία im natürlichen Dasein

Die αἴσθησις ist die nächste Aufenthalts- und Erschließungsart der πολλοί; sie hat nichts an Schwierigkeit; jeder bewegt sich darin; und einer kann dem anderen zu dieser alltäglichen Orientierung verhelfen und ihm diese erleichtern. Zur φύσις des Menschen gehört je eine gewisse Vorliehe für das Nächstgegebene in der αἴσθησις, die ἀγάπησις τῶν αἰσθήσεων (vgl. Met. 1,1; 980a21). Und zumal wenn die Orientierung auf die Verrichtensnotwendigkeit ausfällt, wenn das alltägliche Dasein ihrer ledig wird, wenn das Hinsehen frei wird, gerade dann verliert sich das Dasein noch viel mehr in das Aussehen der Welt, aber so, daß es immer in der αἴσθησις bleibt. Gegenüber diesem leichten und selbstverständlichen Sichbewegen im Augenschein wird nun das Vordringen über diesen hinaus zu dem, was eigentlich ist, schwer. Die Schwierigkeit liegt nicht in den Sachen, sondern im Dasein selbst, in einer eigentümlichen Seinsart des Daseins, der des Zunächst. Das Dasein, so wie es zunächst ist, hat seine Gegenwart im Jetzt, in der Welt; es hat die Tendenz, sich am Nächsten anzuklammern. In der σοφία aber geht es um ein Vordringen in das, was im nächsten Dasein noch verdeckt ist, in das μάλιστα καθόλου, und dies im Vordringen gegen den nächsten Augenschein Es geht also in der σοφία um ein Aufdecken, das im Verhältnis zum nächsten Dasein in einer Gegenbewegung verläuft Die σοφία ist eine Gegentendenz gegen das nächste Dasein und seine Tendenz, am Nächsten des Augenscheins hängenzubleiben. Als σοφία ist die σοφία für das Dasein schwierig. Erst von hier aus sind die Sachen, um die es in der σοφία geht, »schwierig« hinsichtlich ihres ἀληθεύειν. Indessen ist das Folgende zu beachten. Im Verhältnis zur αἴσθησις ist das σοφωτερον-Sein bzw. die σοφία ein μᾶλλον εἰδέναι, ein μᾶλλον ἐπαίειν (vgl. 981a24 sq). Die σοφία bildet sich in einer Gegenbewegung gegen die αἴσθησις aus. Dabei wird jedoch die αἴσθησις nicht ausgeschaltet, sondern zum Ausgang genommen; sie gibt den Boden ab, so zwar, daß die Betrachtung nicht in ihrem Felde bleibt1.


1 Vgl. S. 85.


Martin Heidegger (GA 19) Platon Sophistes

GA 19