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Die Genesis der oocia im natürlichen Dasein

τῆς κινήσεως ἡ κοινὴ μάλιστα καὶ κυριωτάτη κατὰ τόπον ἐστίν, ἣν καλοῦμεν φοράν (Phys. IV, 1; 208a31 sq). Die allgemeinste Bewegung ist die Ortsbewegung, sich darstellend im Umlauf des Himmels. Wenn der Mathematiker etwas aus dem φυσικόν σώμα herausnimmt, so ουδέν διαφέρει (Phys. 11,3; 193b34 sq), »macht das keinen Unterschied«; bei diesem Heraussehen ändert sich nichts am sachlichen Gehalt dessen, was für den Mathematiker Thema bleibt; es wird nicht zu etwas anderem; es wird lediglich genommen das Was des πέρας an ihm selbst, wie es aussieht; es wird lediglich in dem genommen, wie es sich in seinem Grenzgehalt präsentiert, οὐδὲ γίγνεται ψεῦδος χωριζόντων (b35). »Durch das Herausnehmen entsteht dem Mathematiker auch keine Täuschung«, d.h. er betrachtet nicht etwas, was eigentlich nicht das ist, als was es sich zeigt. Wenn der Mathematiker lediglich bei seinem speziellen Thema bleibt, so kommt er überhaupt nicht in die Gefahr, daß sich dieses für ihn als etwas anderes gibt, als es ist; es ist gar nichts anderes da als das, was herausgenommen ist. Durch das χωρίζειν wird dem Mathematiker das Seiende nicht verstellt, sondern er bewegt sich in einem Feld, in dem Bestimmtes zu erschließen ist, Bei diesem χωρισμός ist also alles in Ordnung.

λανθάνουσι δέ τούτο ποιοϋντες καὶ οἱ τάς ἰδέας λέγοντες (b35 sqq). Diejenigen, die die Ideen ansprechen, sie im λόγος aufdecken, verfahren auch so: χωρίζοντες, »sie nehmen heraus«, nur daß sie λανθάνουσι, »verdeckt sind«, sofern und wie sie das tun; sie sind sich in ihrem Verfahren, dessen Grenzen und Unterschieden, nicht durchsichtig, λανθάνουσι, »sie bleiben verborgen, indem sie solches tun«, und zwar sich selbst. — Das ist ein eigentümlicher Sprachgebrauch von λανθάνειν. Umgekehrt gibt es dann also eine ἀλήθεια bezüglich des Daseins selbst. — Diejenigen, die von Ideen sprechen, sind sich selbst nicht klar darüber, welche Möglichkeiten der χωρισμός in sich trägt: Er hat berechtigten Sinn in der Mathematik, nicht aber, wo es darauf ankommt, die ἀρχαί des Seienden zu bestimmen, τὰ γὰρ φυσικὰ χωρίζουσιν ἧττον ὄντα χωριστὰ τῶν μαθηματικῶν (193b36 sq).

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