der Reife des Alters. So gehört auch zur φρόνησις πλήθος χρόνου, »viel Zeit«. Denn die φρόνησις bedarf der Lebenserfahrung, weil sie τῶν καθ᾽ ἕκαστα (a14) ist. Daher ist die φρόνησις nicht eigentlich Sache der jungen Menschen. Junge Menschen können dagegen, wie gesagt, σοφοὶ τὰ τοιαῦτα, in Hinsicht auf die Mathematik σοφοί sein. Dennoch besteht ein Unterschied zwischen mathematischer und philosophischer Erkenntnis. Mathematische Erkenntnis können schon ganz junge Leute haben, philosophische dagegen nicht, ἡ δτιτά μέν δι'άφαιρέσεως ἔστιν, τών δ᾽αΐ άρχαΐ έξ ἐμπειρίας (a18 sq). »Denn die Mathematik ist ein Erkennen auf dem Wege des Wegnehmens von Seienden«, d.h. das, wovon sie wegsieht, das konkrete Dasein, wird von ihr gar nicht weiter betrachtet und bestimmt, sondern nur das τί von πέρας, γραμμή, έπίπεδον, usw. Das konkrete Dasein braucht die Mathematik nicht anzusehen, um die άφαίρεσις zu vollziehen. Dagegen ist es in der σοφία/ notwendig, daß der σοφός bzw. φυσικός, sofern er ein eigentlich Verstehender ist, das, was er zu gewinnen sucht, έξ ἐμπειρίας gewinnt. Es wäre ein Mißverständnis, wenn man έξ ἐμπειρίας übersetzen wollte: aus Induktion, so als ob es sich hier um die Verallgemeinerung von Einzelfällen handelte. Vielmehr ist έξ ἐμπειρίας der άφαίρεσις entgegengesetzt. Und was so der άφαίρεσις entgegengesetzt ist, das ist gerade die Herausstellung der letzten Seinsfundamente des konkreten Seienden selbst. Diese verlangt, daß man sich das Seiende selbst vergegenwärtigt, um zu sehen, wie es aussieht, sein εἶδος, um aus ihm die ἀρχή zu schöpfen. Dazu gehört aber die Kenntnis und Beherrschung der Mannigfaltigkeit des Seienden, die sich nur im Lauf der Zeit aneignen läßt. Die φρόνησις ist demnach auch hinsichtlich ihrer Entstehungsart etwas anderes als die ἐπιστήμη.
Was wir bisher ausgemacht haben, sind nur vorläufige Unterschiede. Die wesentlichen Unterschiede gewinnen wir erst dann, wenn wir uns an den Leitfaden erinnern, der für die Unterscheidung der verschiedenen Weisen des ἀληθεύειν angesetzt war. Aristoteles hat die Betrachtung an zwei Hinsichten orientiert: