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§ 22 Die ευβουλία φρόνησις

συγκεχυμένον, ein »Zusammengeschüttetes«1. Ansprechen heißt: das Angesprochene artikulieren. Erst auf dem Grunde solcher διαίρεσις erfolgt die σύνθεσις, die dem λόγος zu eigen ist. Der λόγος ist dihairetisch-synthetisch. Wenn nun andererseits die φρόνησις eine βελτίοτη ἕξις sein soll, dann muß sie die ἀρχή des Seienden, das für sie Thema ist, erfassen. Eine ἀρχή aber, und gar, wenn sie eine letzte, äußerste ἀρχή ist, ist selbst nicht mehr etwas, was als etwas angesprochen werden kann. Das angemessene Ansprechen einer ἀρχή kann nicht durch den λόγος vollzogen werden, sofern dieser eine διαίρεοις ist. Eine ἀρχή kann nur an ihr selbst erfaßt werden, nicht aber als etwas anderes. Die ἀρχή ist ein άδιαίρετον, etwas, dessen Sein es widerstrebt, auseinandergelegt zu werden. Demnach gehört zur Φρόνησις die Möglichkeit eines schlichten Erfassens der ἀρχή als solcher, d.h. eine Aufdeckungsart, die über den λόγος hinausgeht. Sofern die φρόνησις eine βελτίστη ἕξις ist, muß sie mehr sein als der bloße λόγος. Das entspricht genau der Position, auf der wir die σοφία stehen ließen Die σοφία geht auf die ἀρχαί als solche; so ist in ihr lebendig so etwas wie das reine νοεῖν. Denn eine ἀρχή, die ein άδιαίρετον ist, wird reicht im λέγειν, sondern im νοεῖν aufgedeckt2. Es entsteht die Frage, ob analog wie die σοφία νοῦς καὶ ἐπιστήμη ist, auch in der φρόνησις die Möglichkeit besteht, über das λέγειν und λογίζεσθαι hinaus und doch in Zusammenhang mit diesem die ἀρχή als solche aufzudecken und festzuhalten, ob es in ihr so etwas gibt wie ein reines νοεῖν, ein reines Vernehmen.



1 Physik I, 1; 184a21 sqq. Vgl. S.87f.

2 Vgl. Met. IX, 10.

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