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Frage nach dem Vorrang von φρόνησις oder σοφία


Wir haben uns hier das Phänomen des ἀληθεύειν klargemacht7, und zwar als eine Möglichkeit des menschlichen Daseins, das in seinem Sein dadurch bestimmt ist. Das Ziel dieser Betrachtung war, uns für die Interpretation eines platonischen Dialogs vorzubereiten, uns in die Haltung zu versetzen, um das Überlegen, wie es sich in einem solchen Dialog vollzieht, Schritt für Schritt mitzuvollziehen und wirklich zu fassen. Nur wenn wir


6 s. Anhang.

7 Heidegger notiert hier in der Hs., daß inzwischen 6 Sitzungen ausgefallen sind. (Siehe Nachwort der Hg. S. 654). Deshalb setzt er hier mit einer Besinnung auf den Sinn des Aristoteles-Teils ein.

Diesmaligen, der konkreten Diesmaligkeit der augenblicklichen Lage. Sie ist als αἴσθησις der Blick des Äugender Augen-blick auf das jeweih Konkrete, das als solches immer anders sein kann. Dagegen ist das νοεῖν in der σοφία das Betrachten.dessen, was ἀεί ist, was immer in Selbigkeit gegenwärtig ist. Die Zeit der Augenblick und das Immersein — fungiert hier als Discrimen des νοεῖν in φρόνησις und σοφία. So ist deutlich geworden: Sowohl die φρόνησις wie die σοφία, auf Grund des Tatbestandes, daß sie das νοεῖν in sich tragen, sind Möglichkeiten, in denen das Seiende nach den Grundweisen seines Seins έπ' αμφότερα (Eth. Nic. VI, 12; U43a35 sq), »nach beiden Seiten hin«, bis in seine ἀρχαί letztlich erschlossen und erfaßbar wird. Auf Grund dieses Bezogenseins auf die ἀρχαί sind φρόνησις und σοφία die höchsten Möglichkeiten des Erschließens des Seienden selbst Sofern sie Weisen des Daseins sind, machen sie dessen Seinsart aus: die σοφία sein Gestelltsein zum Seienden der Welt in vollem Sinne, die φρόνησις sein Gestelltsein zum Seienden als je eigenem 1 )asein. Damit aber stellt sich gerade die Frage, welches der Sinn von Sein ist, der den Leitfaden abgibt, auf Grund dessen Aristoteles dazu kommt, der σοφία gegenüber der φρόνησις den Vorrang zuzusprechen6.