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§ 24. Entscheidung der Frage des Vorrangs der σοφία

einem αγαθός selbst. Die φρόνησις ist nichts, sofern sie nicht in der πρᾶξις vollzogen wird, die als solche durch die ἀρετή, durch das πρακτόν als ἀγαθόν bestimmt ist. Durch das bloße Haben des τέλος einer Handlung, durch das bloße Verfügen über die φρόνησις, sind wir noch nicht πρακτικώτεροι; wir werden dadurch nicht dazu gebracht, sittlich besser zu handeln, sofern wir nicht schon gut sind, είπερ ἡ μέν φρόνησις ἔστιν περί τά δίκαια καὶ καλά και αγαθά άνθρώπω, ταϋτα δ᾽ εστίν δ τοῦ άγαθοΟ ἔστιν ανδρός πράττειν, ούθέν δέ πρακτικώτεροι τῷ εἰδέναι αυτά έσμεν, είπερ έξεις αϊ άρεταί είσιν (1143b21 sqq). Das bloße auf sich gestellte ἀληθεύειν der φρόνησις trägt zur Handlung selbst nichts aus, es sei denn, daß diese φρόνησις von einem αγαθός selbst vollzogen wird. Ebenso wie οΰθέν πρακτικώτεροι τῷ έχειν τήν Ιατρική ν έσμεν (vgl. b26 sqq). Ebensowenig wie wir dadurch zum Handeln, zum Durchgreifen geeigneter werden, daß wir die Ιατρική beherrschen, die Heilkunde rein theoretisch besitzen, wenn wir nicht wirklich gelernt haben, damit umzugehen, wenn wir nicht wirklich Arzt sind. Durch das bloße Haben der Orientierung und Leitung sind wir nicht auf der Stufe des Seins, die eigentlich dem Sinn des ἀληθεύειν entspricht. Sofern die φρόνησις hinsichtlich der Möglichkeit ihres rechten Vollzugs darauf angewiesen bleibt, daß sie von einem αγαθός vollzogen wird, ist sie selbst nicht eigenständig. Damit ist der Vorrang der φρ6ντ\σις erschüttert, ob sie sich zwar auf das menschliche Dasein bezieht.

Andererseits bleibt noch immer die Frage: Wie soll die σοφία die höchste Möglichkeit sein, da sie sich doch nicht mit dem Dasein des Menschen beschäftigt? ἡ μέν γὰρ σοφία ούθέν θεωρεί έξ ὧν Εσται ευδαίμων άνθρωπος (ουδεμιάς γὰρ ἔστιν γενέσεως) (b18 sqq). Die σοφία ist zwar eigenständig, aber das, was bei ihr im Thema steht, ist das ἀεί, also das, was überhaupt nichts mit der γένεσις 2U tun hat, während doch das menschliche Dasein sein Sein darin hat, γένεσις, πρᾶξις, κίνησις zu sein. Das reine Verstehen des Philosophen faßt nicht ins Auge, von woher der Mensch eigentlich ins Sein kommen könnte. Was in der Philosophie

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