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Frage nach dem Vorrang von φρονησις oder σοφία

betrachtet wird, trägt seinem Sinn nach nichts weiter aus für die Existenz des Menschen Schon aus diesem Satz allein ist zu sehen, daß Aristoteles von nichts weiter entfernt ist als von einer religiösen Weltanschauung oder dergleichen. Es ergibt sich also die folgende Schwierigkeit:

1. Die φρόνησις geht zwar auf das Dasein des Menschen; aber da sie angewiesen bleibt auf das Sein des Menschen als αγαθός, ist sie nicht eigenständig.

2. Andererseits ist die σοφία zwar eigenständig, sofern sie ja rein auf die ἀρχαί geht; aber da sie eben auf das ἀεί geht, trägt sie für das Dasein des Menschen nichts aus.

Im Grunde liegt die Schwierigkeit darin, daß beide, φρόνησις und σοφία, keine έξεις sind.

Das verlangt nun eine Lösung Aristoteles gibt die Auflösung dieser Schwierigkeit 1144al sqq.


b) Die Kriterien der Entscheidung.

Der Hang des ἀληθεύειν als solchen. Die Eigenständigkeit der »Leistung« (ποιεΐν); die σοφία als uyteiader ψυχή. Der ontologische Vorrang gemäß dem griechischen Seinsbegriff


Für das Verständnis dieser wichtigen Entscheidung bezüglich des Vorrangs der σοφία gegenüber der φρόνησις muß man im Auge behalten, daß Aristoteles die Erörterung dieser ganzen Frage auf eine rein ontologische Betrachtung zurückverlegt, πρώτον μέν σον λέγομεν ότι καθ᾽ αύτάς άναγκαὶον αίρετάς αύτάς εἶναι, άρετάς γ'οδσας έκατέραν έκατέρου τσϋ μορίου, καὶ εί μή ποιοΟσι μηδέν μηδετέρα αυτών (1144al sqq). Zunächst sagt Aristoteles: die Fragestellung, welche von den beiden Weisen die Entscheidendere ist, ist solange unangemessen, als man nicht diese Seinsarten selbst als Seinsarten betrachtet. Solange man bei der ἀρετή fragt, was sie austrägt und nützt, ποιεί, ist man noch nicht bei der angemessenen Fragestellung. Die angemessene Frage ist, ob die Seinsart des ἀληθεύειν höher oder niedriger ist Auch

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