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Frage nach dem Vorrang von φρονησις oder σοφία

σύνθεσις und διαίρεσις machen die volle Vollzugsart des voäy^ aus, und dieses selbst kann, sofern es das des λόγον ἔχον ist, κατάφασις oder άπόφαοις sein. Das Wesentliche an beiden Vollzugsformen des νοεῖν, an ούνθεσις und διαίρεσις, ist das primär einheitliche Im-Blick-Haben des ὑποκείμενον, dessen, worüber gesprochen wird, dessen, was in Rede steht. In der!σύνθεσης kommt das Moment zum Vorschein, daß das Ansprechen das eine mit dem anderen und so das Ganze zusammensieht. Dagegen liegt in derjtoip§OK^daß der λόγος, weil er etwas als etwas sehen läßt, das im vorhinein gesehene Ganze (schwarze Tafel) auseinandernimmt (Tafel — schwarz), aber nicht so, daß die νοήματα nebeneinandergestellt werden, sondern: ώοπερ Ev δντων (De An. 111,6; 430a28), so also, daß man sie als Eines sieht. Man versteht die ganze Lehre vom λόγος, wenn man die Grundstruktur der ἀπόφανσις festhält, des Sehenlassens und Sehens. In dieser Grundhaltung vollzieht sich das Zu und Absprechen5.

Aristoteles ist dieser Struktur der σύνθεσις und der διαίρεσης sowie zugleich dem Phänomen des ἀληθές in einem noch viel grundsätzlicheren Zusammenhang nachgegangen als in De An. III, cap. 6 und 7, und zwar »Metaphysik« VI, cap.4; IX, cap. 10; XI, cap. 8; 1065 a sqq.


δ) Das ἀληθές als Begegnischarakter des Seins

(Met. VI, 2 und 4)


Wir haben gezeigt: Das Wahr-sein, das Aufdecken, ist eine Seinsart des menschlichen Lebens und bezieht sich zunächst auf die Welt6. Daraus entsteht das Problem: In welchem Zusammenhang steht das Seiende, sofern es aufgedeckt ist, mit den anderen Charakteren des Seins? Denn frei von jeder Erkenntnistheorie und deren Vorurteilen sieht man, daß die Unverborgenheit


5 s. Anhang.

6 Vgl. S. 17ff. und S. 23f

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