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Fixierung des thematischen Feldes

§ 29. Ergänzung: Die Neuerung bezüglich des Bodens der griechischen Seinsforschung in Platos »Sophistes«


a) Der doppelte Leitfaden der Seinsforschung in Platos »Sophistes«: Das konkrete Dasein (der Philosoph, der Sophist); das λέγειν


Wenn wir den Dialog »Sophistes« im Ganzen nehmen und von seinem Titel ausgehen1, so ergibt sich bei näherem Zusehen eine bemerkenswerte Neuerung innerhalb der bisherigen Betrachtungen der griechischen Philosophie, sofern für die Diskussion des Seins und des Seienden jetzt als Boden eine bestimmte Existenzart, die des Philosophen, angesetzt wird; denn der Dialog hat nichts anderes zum Ziel, als diesen Boden konkreter Daseinsart zu explizieren und damit gleichsam das Milieu zu schaffen, innerhalb dessen das Seiende in seinem Sein sich zeigen kann. Ich sage, diese neue Fundierung der Forschung nach dem Sein des Seienden ist bemerkenswert gegenüber dem Ausgang der griechischen Seinsbetrachtung überhaupt, gegenüber der Position des Parmenides, wo das Sein einfach bestimmt wird in Korrelation auf das νοεῖν. Das ist zwar grundsätzlich dasselbe, sofern der Philosoph derjenige ist, der in einem ausgezeichneten Sinne νοεί, vernimmt, betrachtet, aber doch mit dem Unterschied, daß bei Parmenides dieses νοεῖν noch ganz unbestimmt bleibt. Es wird nicht gesagt, ob es das νοεῖν eines bestimmten Seinsgebietes ist oder des Seienden überhaupt; sondern es wird überhaupt nur vom Sein unbestimmt gesprochen, ebenso vom νοεῖν. Der Umschlag hinsichtlich

1 Es handelt sich hier um die Stundenüberleitung von der XIX. (Donnerstag, den 8. Januar 1925) zur XX. Sitzung (Freitag, den 9. Januar 1925). Sie ist eine erweiterte und bestimmtere Fassung des Beginns der XIX. Sitzung (S. 191 f.) und führt zugleich zur Bestimmung der Dialektik bei Aristoteles hin. Aufgrund ihres eigenen Gedankenzugs konnte sie dort nicht eingearbeitet werden. Sie sei hier gesondert wiedergegeben.


Martin Heidegger (GA 19) Platon Sophistes

GA 19