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Fixierung des thematischen Feldes

§ 30. Philosophie — Dialektik — Sophistik bei Aristoteles
(Met IV, 1-2)1


a) Die Idee der Ersten Philosophie.

Die Erste Philosophie als Wissenschaft vom ὂν ᾗ ὄν. Abgrenzung der Ersten Philosophie gegen die Einzelwissenschaften. Das Sein als φύσις τις. Die στοιχεία-Forschung der Alten. Weite re Seinsstrukturen. Erste und Zweite Philosophie.


Das Buch IV der »Metaphysik« beginnt gleichsam ganz dogmatisch mit dem Satze: "Εστιν ἐπιστήμη τις ἡ θεωρεί τό ὂν ᾗ ὄν καὶ τά τούτω υπάρχοντα καθ᾽ αὐτό (cap. I; 1003a21 sq). »Es gibt eine Wissenschaft, und zwar eine solche, die θεωρεί, betrachtet, τόδν ἡ Αν, das Seiende als Seiendes«, das besagt eben hinsichtlich seines Seins, das Seiende also nicht als etwas anderes, als so und so beschaffen, sondern als Seiendes, sofern es ist, καὶ τά τούτω υπάρχοντα καθ᾽ αὐτό, »und dasjenige, was an diesem, nämlich dem Seienden hinsichtlich seines Seins, υπάρχει, im vorhinein schon da ist«, mit zu ihm als zum Sein gehört, und zwar καθ᾽ αὐτό, zu ihm »an ihm selbst«. Es gibt also eine Wissenschaft, welche die Seinscharaktere des Seienden betrachtet, ganz kurz gesagt. Die traditionelle Interpretation hat hier die Schwierigkeit gefunden, daß Aristoteles bei dieser Proklamierung der Ersten Philosophie diese als ἐπιστήμη bezeichnet, da doch die ἐπιστήμη keine ursprüngliche Wissenschaft sei gegenüber der σοφία. Denn die ἐπιστήμη ist ein solches theoretisches Erkennen, das bestimmte Grundsätze, Axiome und Grundbegriffe voraussetzt. Es widerspricht also, streng genommen, dem Sinn der ἐπιστήμη, daß sie etwas Ursprüngliches in seiner Ursprünglichkeit thematisch erfassen kann. Es müßte hier also, meint man, gesagt sein: ἐστι σοφία τις. Man sieht ohne weiteres, daß


1 Für die folgende Interpretation von Met. IV, 1-2 (S.208-214 Mitte) finden sich in der Hs. Heideggers keine Notizen, sondern nur ein Hinweis: Met. Γ, 1 u. 2. vgl. Interpretation.