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§ 32 Idee der Ersten Philosophie bei Aristoteles

de verdeckt und verstellt wird, die Art, in der etwas sich zeigt bzw. »ist« — als etwas, was es im Grunde nicht ist, so daß das Nichtseiende mit der Faktizität des Irrtums und der Täuschung zugleich als seiend aufgezeigt werden kann. Das ist der innere Zusammenhang zwischen ἀληθές — ὄν, ψεῦδος — μή ὄν. Es kommt darauf an, daß wir uns das ψευδεσθαι selbst näher bringen, um den Boden zu gewinnen für die Vergegenwärtigung des μὴ ὄν selbst.


§ 32. Fortsetzung. Die Idee der Ersten Philosophie bei Aristoteles


a) Die Erste Philosophie als Ontologie (ὂν ᾗ ὄν) und Theologie. Explikation der Doppelung aus dem griechischen Verständnis von Sein (= Anwesenheit)


Die Frage nach dem ὄν haben wir uns an Hand des Aristoteles einige Schritte klarer gemacht, sofern es sich nicht um ein bestimmtes Sachgebiet handelt, sondern um τά πάντα, um das ὂν ᾗ ὄν, das ὅλον. Es wird nach den Bestimmungen gefragt, die das Seiende in seinem Sein ausmachen. Diese Idee der Ersten Philosophie, wie Aristoteles sie bezeichnet, als der ursprünglichen Wissenschaft vom Seienden, wird bei ihm gekreuzt durch eine andere Fundamental Wissenschaft, die er als θεολογική bezeichnet, so daß wir haben:


πρώτη φιλοσοφία
θεολογική
Wissenschaft, die das ὂν ᾗ ὄν betrachtet.


Diese letztere hat man später »Ontologie« genannt. Aristoteles kennt diesen Ausdruck nicht. Für die Wissenschaft, die das ὂν ᾗ ὄν betrachtet, hat Aristoteles den Ausdruck πρώτη φιλοσοφία. Sowohl die Theologie als auch die Ontologie werden also als πρώτη φιλοσοφία in Anspruch genommen.

GA 19